Von Ulrich Schiller

Das Paradepferd des Kernwaffenlabors Lawrence Livermore holte Gib Marguth, dessen Direktor für Technologietransfer, aus einer Plastiktüte. Es sieht aus wie gefrorener Rauch und faßt sich an wie Glaswolle, unangenehm stumpf. Ganz leicht ist es, kaum schwerer als Luft, aber es widersteht dem tausendfachen Druck des eigenen Gewichts. Vor allem ist es unter allen bekannten Werkstoffen der schlechteste Wärmeleiter: Aerogel.

Entdeckt wurde Aerogel schon in den dreißiger Jahren in Stanford. Aber erst im Kalten Krieg, als Rüstungskosten keine Rolle spielten, wurde es plötzlich dringend gebraucht. Wissenschaftler im Kernwaffenlabor Livermore, östlich von San Francisco, machten es zu dem unerläßlichen Stoff, der in der Wasserstoffbombe die freiwerdende Hitze abblockt. Man kann ein drei Zentimeter dickes Stück Aerogel auf der Hand halten und die Flamme einer Lötlampe darauf richten – nichts passiert. Nun ist Aerogel nicht länger Monopol der Rüstung, sondern frei für kommerzielle Zwecke.

Mehrere hundert Firmen haben sich schon Materialproben schicken lassen, denn die Möglichkeit vielfältiger Verwendung ist offenkundig: zur Isolierung von Fenstern, Kühlschränken und Thermosflaschen, zur Geräuschisolierung in Konzertsälen und Tonstudios. Direktor Marguth glaubt allerdings, es werde noch zehn Jahre dauern, bis Aerogel für die Massenproduktion verwendet wird.

Ein anderer neuer Werkstoff ist Cermet. Das Waffenlabor hat ihn in einer Mischung aus Keramik und Metall entwickelt, um Panzer und Kampfhubschrauber besser zu schützen. Cermet ist leichter als Aluminium, aber härter als Stahl. Hersteller von Schutzhelmen aller Art, von kugelsicheren Westen und Limousinen, aber auch von Golfschlägern zeigen an dem neuen Livermore-Patent Interesse. Hingegen haben amerikanische Firmen für einen neuartigen Sensor zum Nachweis geringster Spuren von Kohlendioxid noch keinen Bedarf gemeldet. Lawrence Livermore war mithin frei, dieses Produkt außerhalb des Landes anzubieten. Prompt erwarb die Hoechst AG das Patent für Europa. Der nationale Bedarf habe immer Vorrang, erklärt Gib Marguth. Erst wenn klar ist, daß ein neues Produkt auf dem heimischen Markt nicht ankommt, könne das Labor international anbieten.

Die Frage nach der Zukunft der Waffenlabors, der Kernwaffenlabors zumal, stellt sich nicht nur in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, sie ist auch für die Vereinigten Staaten ein großes Thema. Was wird aus den großen staatseigenen Laboratorien, aus Lawrence Livermore in Kalifornien, aus Los Alamos und Sandia in New Mexico, wenn die Nuklearmächte – die neuen und die alten – abrüsten, wenn niemand mehr das Produkt nachfragt, das die intellektuellen und wissenschaftlichen Waffenschmieden des Landes nahezu exklusiv anzubieten hatten? Einige der Spezialisten, die ihr Leben lang Waffen entworfen haben, wurden sich der neuen Lage schlagartig bewußt, als Präsident Bush im vergangenen Herbst einseitige Abrüstungsmaßnahmen ankündigte, ohne einen der Laborchefs vorher informiert zu haben. Das hatte es noch nie gegeben. Andere fürchten ein ähnliches Schicksal wie ihre Kollegen in der ehemaligen Sowjetunion: den Verlust von Job, Privilegien und dem Umfeld ihrer Labors, die einen Esprit de Corps besonderer Art geschaffen haben. In Livermore müssen sich zwei langjährige Mitarbeiter gerichtlich verantworten, weil sie auf den Großcomputern des Labors, die allein der militärischen Forschung vorbehalten sind, für eine norwegische Schiffbaugesellschaft heimlich an einer verbesserten Panzerung des Oberdecks getüftelt haben.

Von einer Schließung der amerikanischen Kernwaffenlabors war nie die Rede. Sie sind „Juwelen“ unter den Aktiva des Landes, wie unlängst die Washington Post schrieb. Los Alamos ist identisch mit der Geschichte der ersten Atombombe, mit Robert Oppenheimer und dem „Manhattan-Projekt“. Livermore wurde in Konkurrenz zu Los Alamos 1952 gegründet, damit Edward Teller die Wasserstoffbombe bauen konnte. Die Sprengköpfe für die meisten strategischen Raketen wurden hier entwickelt, die Neutronenbombe stammt aus Livermore, die Vision vom Krieg der Sterne nahm hier ihren Anfang. Doch wichtiger für die Zukunft ist die Tatsache, daß die Waffendesigner mit ihren Kenntnissen über Nacht auf zivile Forschung umsatteln können. Physiker und Mathematiker, Chemiker und Metallurgen, Computerspezialisten und Ingenieure können sich neuen Werkstoffen, alternativen Energien und dem Umweltschutz zuwenden. Sie sind ein beispielloses Innovationspotential für die amerikanische Wirtschaft und können eine hervorragende Rolle spielen, die Vereinigten Staaten wieder konkurrenzfähig zu machen. Keimzellen also einer amerikanischen Industriepolitik?