Von Karl-Heinz Janßen

Schon die Aufmachung des außergewöhnlichsten Politkrimis der Saison ist eine Provokation: in Umrissen die Quadriga auf dem Brandenburger Tor, darüber in schreiendem Rot die Hakenkreuzflagge und die blaue Europaflagge mit dem Sternenkranz. Dazu aufgesetzt in gotischer Fraktur der Titel "Fatherland". Mächtiger noch prangt der Name des Autors: Robert Harris. Nein, er ist kein Verwandter des Luftmarschalls, dessen Denkmal am Sonntag in London enthüllt wurde. Jener Harris hatte sich vorgenommen, hundert deutsche Großstädte auszulöschen, diesen treibt offensichtlich der Ehrgeiz, auf Kosten der Deutschen ein berühmter Schriftsteller zu werden. Harris, Jahrgang 1957, Graduierter der Universität Cambridge, fing an als BBC-Reporter, war dann politischer Redakteur beim Observer und ist nun Kolumnist der Sunday Times. Er hat einige Sachbücher veröffentlicht, darunter eine amüsante Darstellung des Skandals um die gefälschten Hitler-Tagebücher.

Bei den Recherchen fielen ihm die (echten) "Tischgespräche" Hitlers in die Hand; er war fasziniert von den Zukunftsplänen, die der Diktator in den Jahren 1941/42 im Siegesrausch entworfen hatte. Harris beschloß, seinen ersten Roman zu schreiben, eben den Thriller "Fatherland". Sein Trick ist die rückwärtsgewandte, mit historischen Quellen gestützte Fiktion. Die Handlung spielt im April 1964; Deutschland hat den Krieg gewonnen und bereitet sich auf den 75. Geburtstag seines Führers vor. Das Nazireich erstreckt seine Grenzen bis an den Ural und in den Kaukasus. Die übrigen Länder Europas sind auf einen Satellitenstatus herabgedrückt, auch England.

Dort sitzt der nazifreundliche Eduard VIII. wieder auf dem Thron. Der alte Churchill und Queen Elisabeth leben im kanadischen Exil. Präsident Kennedy hat seinen Besuch in Berlin angesagt – nicht John F., sondern sein alter Vater, der Antisemit und Appeaser. Detente ist angesagt, denn das Nazireich ist des von Amerika finanzierten zwanzigjährigen bolschewistischen Guerillakrieges am Ural müde geworden.

Vor diesem Hintergrund läuft der Thriller ab, nach bewährtem Rezept: Ein Berliner Kommissar will einen Mord klären und gerät dabei ungewollt in lebensgefährliche Verstrickungen. Mit Hilfe einer amerikanischen Journalistin gerät er auf die Spur eines schrecklichen Geheimnisses.

Man soll den Inhalt von Krimis nicht erzählen. Nur so viel: Harris versteht, gut und spannend zu schreiben; seine Vorbilder sind Ian Fleming ("James Bond") und der Spionage-Experte John LeCarré. Es kommt alles vor, was die Leser erwarten: Verbrechen, Verschwörungen, Vertuschung, Irreführung, Gewalt und Liebe. Doch Harris kann den Historiker nicht verleugnen – so würzt er seine Geschichte mit historischen Dokumenten von Naziverbrechen. Indem er aus dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums die Lehren zieht, will er nachweisen, daß auch ein siegreiches Nazireich eines Tages in sich zusammengebrochen wäre. Seine Heldin Charlie läßt er sagen: "Man kann nicht auf einem Massengrab aufbauen."

"Wenn wir den Krieg gewonnen hätten", dichtete Erich Kästner schon nach 1918 und lehrte seine der Katastrophe entronnenen Landsleute nachträglich das Grausen. Ralph Giordano nahm diesen Vers für den Zweiten Weltkrieg auf. Das ist legitim und immer noch notwendig, um das Unfaßbare unserer Geschichte nicht abermals zu verdrängen. Angestoßen durch Harris, fängt man jetzt auch in England an zu fragen: Was wäre bei uns gewesen, wenn Hitler gesiegt hätte .. .?

Aber der Ehrgeiz und das Kalkül des Autors reichen weiter. Sein Buch wurde inzwischen in mehr als zehn Sprachen übersetzt, vorzüglich jener Länder, die von Deutschen besetzt waren. Hollywood hat bereits die Filmrechte. Englischen Zeitungen zufolge ist Harris jetzt Dollar-Millionär. Seine jüngsten Äußerungen nähren den Verdacht, daß er auf der Konjunktur antideutscher Emotionen und Ressentiments reitet, die durch die deutsche Wiedervereinigung und das Ende der Sowjetunion vermehrt wurden: "Hitlers Kriegsziele sind eins nach dem andern erreicht worden." Er insinuiert, Kanzler Kohl habe die von den Nazis angestrebte wirtschaftliche Herrschaft über Europa vollendet. Ob dem Autor gar nicht bewußt ist, daß er mit seinem Thriller auch den jungen Generationen in Deutschland das Stigma des Massenmords aufdrückt? Wenigstens hat sich kein deutscher Verleger für solch frivole Geschmacklosigkeit hergegeben.