Von Joachim Fritz-Vannahme

Die "Angst vor Deutschland" starrte uns in den vergangenen Jahren so manche Woche von den Titelbildern der Pariser Magazine entgegen – mal verkleidet als Kohlscher Riese, mal aufgemacht als grimmiger Bundesadler. Ein Blick in den Spiegel reichte wiederum manchem deutschen Beobachter, um sich mit Empörung von diesem angeblich unverständigen und krankhaft mißtrauischen Frankreich abzuwenden. Freilich, das Unbehagen an der wiedervereinten Nation teilen viele Franzosen mit vielen Deutschen, was wiederum Pariser Kommentatoren meist entging.

Mit dem Wörtchen Angst läßt sich an den Kiosken zwischen Valence und Valenciennes allerlei verkaufen: Sorgt heute bei den seriösen Magazinen Nouvel Observateur, L’Express oder Le Point die Angst vor Deutschland für Auflage, dann nächste Woche die Angst vor dem Dickerwerden. Ängstlich wirken die Franzosen in diesen Tagen und am ängstlichsten ihre Eliten – aber das soll uns hier nicht weiter beschäftigen.

Zum Glück geht es auch ganz anders. Daniel Vernet, heute Direktor für internationale Beziehungen der Pariser Zeitung Le Monde und davor lange Jahre für das wichtigste französische Blatt in London, Moskau und Bonn auf Posten, gelingt mit "La Renaissance allemande" der Beweis, daß dem Erstaunen nicht das Entsetzen, dem kritischen Abstand nicht die Angst folgen muß. Vernet irritiert gezielt und geschickt die Franzosen in ihrer oft wohligen Furcht, und er irritiert die Deutschen in ihrer oft blauäugigen Art – weshalb sein Buch schleunigst übersetzt gehört. Der Autor geht dabei diskret vor, läßt seine Einwände einfließen in ein kenntnisreiches Portrait, das er mit wenigen Strichen von der deutschen Politik und Gesellschaft zeichnet. Zum Beispiel dort, wo er die Frage nach Ende oder Anfang einer Nation stellt: "Soll der Verfassungspatriotismus künftig nicht Gefahr laufen, zu einem ebenso großzügigen wie wirklichkeitsfremden Universalismus zu geraten, muß er vom Nationalstaat mediatisiert werden, der der moderne Ausdruck der demokratischen Werte ist. Gewiß sind diese Werte universell, aber sie können das erst werden, wenn die Nation sie trägt. Überschritten werden kann der Nationalstaat erst, nachdem er angenommen wurde. Die Deutschen stehen heute genau vor dieser Herausforderung. Ohne diese Anerkennung ihrer selbst durch sich selbst, um einen Satz von Gustav Heinemann zu gebrauchen, drohen sie in Idealismus zurückzufallen. Deutschlands Partner wollen es nicht mit Europäern ohne Vergangenheit, sondern mit wirklichen Deutschen zu tun haben." Vernet rät darum den Politikern im geeinten Deutschland davon ab, dessen neue Stärke und Stellung beschwichtigend zu verkleinern.

Für Le Monde war der Journalist Daniel Vernet ein beharrlicher und privilegierter Beobachter der Wiedervereinigung, besonders ihrer internationalen Begleitumstände, angefangen vom Straßburger EG-Gipfeltreffen im Dezember 1989 bis zum Ende der Zwei-plus-vier-Verhandlungen, die Deutschland nur ein dreiviertel Jahr später seine volle Souveränität zurückgaben: "Nichts in François Mitterrands Haltung im Herbst 1989 erlaubt die Behauptung, er habe seine Einstellung zur deutschen Einheit geändert und sei womöglich entschlossen gewesen, diese zu verhindern." Die Pariser Diplomatie habe, so schildert es der Autor im Schlußkapitel, einfach den Einheitswillen der Ostdeutschen unter- und den Widerstand der Sowjetunion überschätzt. Frankreich konnte sich, wie übrigens damals etliche deutsche Politiker in Regierung und Opposition, die Wiedervereinigung nur als langwierigen Prozeß vorstellen.

Daniel Vernet rückt hier eine Meinung zurecht, die sich bis auf den Tag in Bonn und Paris gehalten hat. Das hindert ihn nicht, fast schmunzelnd an den getrübten Blick eines Roland Dumas zu erinnern. Der französische Außenminister sträubte sich wenige Tage nach der Maueröffnung, beim Straßburger Treffen über Deutschland zu reden, weil das doch auf Kosten der "großen Themen" wie Sozialcharta oder Medienpolitik gehen müsse ... Dumas zweifelte im übrigen, wie Vernet berichtet, bis zum Maastrichter EG-Gipfeltreffen im vergangenen Dezember daran, ob deutsche Einheit und europäische Integration, wie von Helmut Kohl versprochen, für die Bonner Führung wirklich gleichrangig seien.

Über die "Mauer in den Köpfen" wundert sich der Deutschlandkenner Daniel Vernet nicht weiter. Als reisender Journalist stieß er allenthalben auf sie, bei deutschen Intellektuellen ebenso wie beim Mann auf der Straße. "Was ist deutsch?": Nietzsches Frage finde einmal mehr, so beschließt Vernet sein Buch, keine fertige Antwort. Dieses Land bleibe sich und seinen Nachbarn ein Rätsel: "Was wird da von den Deutschen vereint? Ihre Staaten, ihre Nation, ihr Land? Wurde diese schwer definierbare Einheit nun wiedergefunden oder einfach gefunden? In beiden Fällen sind die Deutschen unglücklich. Sie haben Angst vor sich selbst und machen anderen Angst und wünschen sich dabei doch nichts sehnlicher, als geliebt zu werden. Wenn sie glauben, ein normaler Staat zu sein, werden sie an Auschwitz erinnert; wo sie selbst freilich vom Holocaust anfangen, verdächtigt man sie sofort, nur nach einem Vorwand zu suchen, um ihrer heutigen Verantwortung zu entfliehen." Das sollte als Warnung nicht nur für Franzosen gelesen werden.