Guicking befaßt sich seit über fünfzehn Jahren mit aktiver Lärmminderung. In diesem Zeitraum hat er miterlebt, wie die rasche Entwicklung der Mikroelektronik die hohen Genauigkeitsansprüche in wachsendem Maß zu erfüllen erlaubte. Dank Mikrochip, sauberer theoretischer Formulierungen und immer ausgefeilterer Programmierung hat sich die frühere Laborkuriosität Antischall mittlerweile zu einem nicht nur technisch, sondern auch ökonomisch sinnvollen Verfahren gemausert – wozu das weithin steigende Lärmbewußtsein sicherlich beitrug. Bisher sind weit über tausend Veröffentlichungen (inklusive zahlreicher Patente) über Antischall erschienen, wie eine von Guicking kompilierte Bibliographie ausweist; Tendenz: kräftig steigend.

Seit 1987 verkauft die amerikanische Firma Digisonix Anlagen, die mit aktiver Lärmkompensation das dumpfe Dröhnen großer Klimaanlagen mildern. Mit passiven Maßnahmen wie Schalldämmung ist tiefen Geräuschen nur schwer beizukommen; von Nachbars lauter Musik hört man vor allem die Bässe. Antischallsysteme dagegen können aus technischen Gründen nur schlecht Töne dämpfen, die grob gesagt, über dem „hohen C“ liegen; ihre Domäne liegt im Baßbereich.

Diesen Effekt nutzen auch Antischall-Kopfhörer, die seit einiger Zeit von mehreren Unternehmen für Piloten verkauft werden. Die Dämpfung des tieffrequenten Dröhnens im Cockpit erleichtert nicht nur den Funksprechverkehr, sondern soll auch Ermüdungserscheinungen und Hörverlusten der Piloten vorbeugen. Flöge die Lufthansa derzeit nicht auf Sparkurs, so heißt es, dann klemmten längst aktive Schalldämpfer auf den Ohren ihrer Piloten. Den ersten offenen Antischall-Gehörschützer liefert seit kurzem die Firma Sennheiser bei Hannover aus. Er umschließt das Ohr nicht akustisch isolierend, sondern liegt klein und leicht auf. Einem Einsatz im Auto stehen zumindest in der Bundesrepublik noch gesetzgeberische Vorbehalte gegenüber.

Für die Bekämpfung einfacher, steter Geräusche ist Antischall besonders geeignet – und damit kommen auch Haushaltsgeräte ins Spiel. In Japan verkauft Toshiba einen Antischall-Kühlschrank; auch das US-amerikanische Unternehmen Noise Control Technologies beschäftigt sich mit der „Beruhigung“ der Alltagshelfer. Doch in den Forschungsinstituten geht man mittlerweile die wesentlich schwierigere Aufgabe an, auch unperiodische Geräusche aktiv zu kompensieren. Allzu lautlos darf es freilich nicht immer werden: Geräusche liefern auch Informationen, etwa über den Betriebszustand eines Gerätes. Und ein Staubsauger, der statt kraftvoll zu rauschen nur asthmatisch vor sich hin fistelt, wird wohl kaum das Vertrauen der Kundschaft erwecken.

Am Beispiel der Propellerflugzeuge demonstriert Michael Kallergis von der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig, wie man Antischall ohne aufwendige Elektronik einsetzen kann. Kallergis benutzt den in der Nähe des Propellers vorgezogenen Auspuff als Antischallgeber. Eine genaue relative Justierung von Propeller und Auspufföffnung erlaubt Lärmminderungen bis fünf dB. Der Nachteil dieser pfiffigen Idee: Aus konstruktionstechnischen Gründen kann sie nur bei bestimmten, wenn auch weitverbreiteten Flugzeugtypen realisiert werden. Allgemeiner einsetzbar ist das von Oskar Bschorr bei MBB München vorgeschlagene System. An den Tragflügeln angebrachte Antischallgeber können den Lärm um bis zu zehn dB reduzieren – so ausgerüstete Flugzeuge würde man nur halb so laut empfinden wie die jetzigen. Erste Testflüge werden im Sommer starten. Im Prinzip ließen sich so auch Jets leiser machen. Aber, so Oskar Bschorr: „Antischall muß stets möglichst nahe der Störquelle erzeugt werden – und beim Jet entsteht der Lärm einige Meter hinter der Düse.“

US-amerikanischen Werksankündigungen zufolge wird der Antischall-Auspuff für Autos in den nächsten ein bis drei Jahren Serienreife erlangen. Der Auspuff hemmt den Motor weniger als der herkömmliche Topf, und das soll zu einer Treibstoffersparnis von bis zu fünf Prozent führen. Wird dadurch der Verkehrslärm geringer? Gerhard Zintel, Entwicklungsingenieur bei der Leistritz AG für Abgastechnik in Fürth, ist skeptisch. Sein Einwand: Zur Zeit ist der „Flüsterauspuff“ zwar um 25 dB leiser, wie Messungen Zintels zeigten – aber nur bei konstanter Drehzahl; je schneller sich diese ändert, desto geringer die Lärmminderung. Im Stop-and-go-Verkehr kann ein solches System folglich nur beschränkt zur Lärmminderung beitragen; bei zügiger Fahrt gar wird der Auspufflärm von Roll- und Fahrwindgeräuschen überdeckt – und gegen die ist noch kein Antischall-Kraut gewachsen.

Umso willkommener wäre eine Art durchsichtiger Anti-Schallmauer, wie sie Oskar Bschorr entwickelt. Es handelt sich um ein Fenster, dem ein etwa puderdosengroßer Antischallgeber ähnlich gute Schallisolierung verleihen soll wie solidem Mauerwerk. „In vielen Bereichen“, faßt er zusammen, „sind konventionelle Lärmschutzmaßnahmen ziemlich erschöpft, während die Antischalltechnik ein Potential von zwanzig bis dreißig dB hat.“ Ein so gemindertes Signal empfinden wir etwa vier- bis achtmal schwächer.