Von Christian Tenbrock

Weltabgeschieden, erzkonservativ und ein wenig mysteriös: darauf beschränkt sich das Bild vom amerikanischen Bundesstaat Utah, seit sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts 143 Mormonen in der öden Wildnis am Great Salt Lake niederließen. "Dies ist der Platz", soll Mormonenführer Brigham Young gemurmelt haben, als die Gläubigen an seiner Seite von den Wasatch-Bergen auf die staubige Wüste und den Salzsee unter sich blickten. Man schrieb das Jahr 1847.

Aus dem Platz wurde Utah, aus der ersten Siedlung Salt Lake City. Heute hat die Stadt 700 000, der Bundesstaat 1,7 Millionen Einwohner. Noch immer gelten den meisten Außenstehenden Trockenheit und schneebedeckte Berge, Polygamie und Alkoholverbot als einzig Erwähnenswertes, wenn die Rede auf Utah kommt. Aber während der Rest Amerikas über das Land der Mormonen witzelte, vollzog sich in Utah eine stille Revolution. 1992 sind die Witze weitgehend verstummt, Hochachtung ist an ihre Stelle getreten.

Die meisten Regionen der USA stürzten zu Beginn der neunziger Jahre in die Rezession. Nicht so Utah – hier gab es einen wirtschaftlichen Boom. In Kalifornien oder New York, Ohio oder Connecticut rutschten die Budgets ins Defizit. In Utah dagegen ist der Haushalt ausgeglichen. In anderen Staaten müssen Fabriken schließen, die Regierung in Salt Lake City aber meldet einige zehntausend neue Jobs. Zwischen 1980 und 1990 stieg die Zahl der Arbeitsplätze in Utah um 31 Prozent, vier Fünftel davon wurden von lokalen Firmen geschaffen. Aber auch etablierte Unternehmen wie Delta Air Lines oder die Kreditkartenfirma American Express haben wichtige Teile ihrer Geschäftstätigkeit in den Wüstenstaat im amerikanischen Westen verlagert.

Niedrige Löhne, eine wirtschaftsfreundliche Regierung und der Trend in Bevölkerung und Unternehmen, die verschmutzten, teuren und überfüllten Ballungsgebiete am Pazifik und Atlantik zugunsten des dünnbesiedelten Südwestens und Westens der USA zu verlassen, erklären die pulsierende Ökonomie Utahs nur unvollständig. Ein Teil des ökonomischen Erfolgs im Bundesstaat geht auf das Konto seiner wichtigsten Religionsgemeinschaft. Zwei von drei Einwohnern in Utah sind Mormonen. Neunzig Prozent aller Abgeordneten im Kongreß gehören der Sekte an, ebenso der Gouverneur und sein Stellvertreter. In Utah sei die Religion kein Opium, schrieb 1991 das Magazin Time. "In Utah ist sie ein Amphetamin."

Geld und Glauben verbinden sich zu einer fruchtbaren Mixtur. Die Kirche ist ein weitverzweigter Wirtschaftskonzern mit rund 10 000 Beschäftigten und einem Besitz, der sich über etwa hundert Firmen erstreckt. Ihr gehören Banken, Immobilien, Anteile an einer Versicherung, eine Fernsehstation, eine Zeitung und das größte Kaufhaus in Salt Lake City. Acht Milliarden Dollar soll das kirchliche Unternehmensimperium inzwischen wert sein.

Schon damit halten die Mormonen in Utah eine gehörige wirtschaftliche Macht. Wichtiger aber noch sind Philosophie und Lebenspraxis der meisten Kirchenmitglieder. "Mit ihrer Betonung von Bildung, Familie und harter Arbeit haben die Mormonen einen grundsätzlich positiven Einfluß auf Utah", meint Salt Lakes Bürgermeisterin DeeDee Corradini. Die 47jährige gehört der Kirche nicht an und ist die erste Frau, die jemals auf den Bürgermeistersessel in Utahs Kapitale gelangte.