Heute bewege man sich in der Philosophie auf einem Terrain, flocht Jürgen Habermas irgendwann einmal in die Diskussion ein, wo "am nächsten Morgen bei der Zeitungslektüre" gerade wieder ein philosophisches Problem erklärt werde. So sei es zum Beispiel im Golfkrieg geschehen (und derzeit in Sarajevo, müßte man hinzufügen).

Habermas’ Bemerkung fiel während eines dreitägigen Disputs in Frankfurt über "Gemeinschaft und Gerechtigkeit". Es diskutierte eine internationale Philosophen-Runde, vornehmlich Gesellschaftskritiker aus Deutschland (und Europa) und aus den Vereinigten Staaten. Zur Debatte stand der Kommunitarismus, ein Import aus den USA. Seine authentischen Stimmen, Vertreter der radikalliberalen oder auch verkappt autoritären communitarians, hatten sich leider nicht nach Frankfurt komplimentieren lassen; abgesehen von einem herausragenden Kopf wie dem kanadischen Civil-Society-Philosophen Charles Taylor, der wiederum auf den "nichtssagenden" Begriff Kommunitarismus ganz zu verzichten empfahl.

Das Wort klingt gewiß nach Kunstprodukt. Zunächst einmal meint es ein Denken, das Gemeinschaften (communities) verschiedenster Art der zunehmenden gesellschaftlichen Desintegration entgegenstellen möchte. Demokratie brauche Bindungen zwischen Staatsbürgern, auch auf unterer oder lokaler Ebene, wenn sie liberal bleiben solle, wird argumentiert. Sie brauche neuen Gemeinsinn oder alte Tugenden.

"Gemeinschaft" – es herrschte weithin Konsens darüber, daß das deutsche Wort, das die Sache auch nicht ganz trifft, hierzulande aus gutem Grund immer noch einen antidemokratischen Beigeschmack hat. Es schmecke nach "Volksgemeinschaft", "formierter Gesellschaft" oder nach DDR, hieß es in der Debatte. Ein freieres Verhältnis zu den Schattenseiten der Modernisierung, meinte Hans Joas gleichwohl, werde eben jetzt erst möglich, "da die Angst schwindet, damit in antidemokratisches Fahrwasser zu geraten".

Die Ausgangslagen in den Vereinigten Staaten sowie in Deutschland oder Europa sind höchst unterschiedlich, die Übertragbarkeit ist begrenzt. Letztlich aber, das wurde deutlich, laborieren die Gesellschaftskritiker in Deutschland wie in den USA, aus welcher philosophischen Denkwelt sie auch stammen, an derselben Frage herum: Wie sicherzustellen sei, daß die Gesellschaften mit ihren inneren Modernisierungsproblemen und den globalen Herausforderungen nicht weiter zerfleddern. Die einen suchen die Antwort in der Gemeinschaft, in Moral und Tugend als neuem Anker, die anderen denken über universell gültige Menschenrechtsprinzipien und neugefaßte Demokratietheorien nach.

Diejenigen unter den Kommunitaristen, die nicht nur das Glück im Winkel verordnen wollen, sondern denen die Probleme unter den Nägeln brennen, halten es für vertane Zeit, sich lange über Begründungen für die eigenen Maßstäbe zu streiten. Danach aber suchen gerade die liberalen Gesellschaftskritiker vornehmlich aus der Frankfurter Schule und verweigern sich, wenn sie klug sind, dennoch nicht den Antworten auf die "philosophischen Fragen" bei der täglichen Morgenlektüre.

In Frankfurt ist sehr akademisch, aber auch wohltuend offen diskutiert worden. Womöglich läßt sich auf dem Umweg über den Kommunitarismus unbefangener über die Solidaritätsdefizite von heute sprechen als mit Hilfe des befrachteten "Gemeinschafts"-Vokabulars. Schon deshalb kann man die (späte) Ankunft der communitarians, die öffentliche Angelegenheiten doch wenigstens wieder zum Thema der Philosophen machen, ohnehin nur begrüßen, selbst wenn man nicht jede These von jedem Autor gleich unterschreibt. Gunter Hofmann