Von Jens Prüss

DÜSSELDORF. – was geschähe wohl in Bonn, wenn plötzlich das Meer käme? Mit dem Gedanken muß man sich ja langsam anfreunden. Gerade ist in New York wieder eine Klimakonferenz gescheitert. Stellen wir uns also vor, Rotterdam und Rostock sind abgesoffen; Holland und Norddeutschland stehen bis zur Halskrause im Wasser. Während Kohl gerade sein Frühstücksei löffelt, spielt der Blanke Hans bereits mit den Rändern des Beigischen Landes.

Wenn wir Kohls Konfliktbearbeitung der letzten Jahre zum Maßstab nehmen, dann müssen wir davon ausgehen, daß er die Hochflut zunächst wie eine gewöhnliche Frühjahrsüberschwemmung behandeln wird. Also läßt er erst einmal Sandsäcke um das Regierungsviertel legen. Danach beendet er in aller Ruhe das Frühstück. Währenddessen ertrinken die ersten.

Ruft Kohl deshalb einen Krisenstab zusammen? Da müßte es schon schlimmer kommen. Eine außerordentliche Ministerrunde reicht. In dieser verpaßt der Kanzler allen Mitgliedern der Regierung sofort einen Maulkorb. Wer von Blut und Tränen spricht, der geht baden. Optimismus heißt das Wort der Stunde.

Während alle betreten schweigen, summt Bildungsminister Rainer Ortleb selbstvergessen eine Volksweise vor sich hin: „Am 30. Mai ist Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang...“ Aber der kann es sich leisten, der muß im Herbst ohnehin gehen. Für eine Sekunde denkt Vizekanzler Möllemann an einen Putsch: so richtig die Aktion an sich reißen, persönlich mit dem Fallschirm über Kiel abspringen und Engholm aus den Fluten retten. Der FDP-Zuwachs wäre enorm. Aber dann ist Möllemann das Risiko doch zu groß. Er sackt wieder in sich zusammen.

Wo nur Ortleb vor sich hinsingt und niemand hilft, stürzt Innenminister Seiters, der am Morgen bereits erste Wasserleichen gesehen hat und noch vom ÖTV-Streik schwer gezeichnet ist, in einen Weinkrampf. Kohl tröstet ihn: Wenn das alles ausgestanden sei, werde er ganz allein mit ihm zum Italiener Essen gehen. In den unteren Etagen des Kanzleramtes gurgelt unterdessen die Flut.

Schließlich poltern die Journalisten herein, bis zur Hüfte durchnäßt. Der Bürger habe von dieser Hinhalte-Politik endgültig die Nase voll, rufen sie im Chor. „Ich auch“, gibt der Kanzler zurück. „Die Menschen sitzen auf den Dächern, und niemand holt sie ab“, erzählt ein Redakteur aus Köln. Kohl besänftigt, indem er ein paar Fehler bekennt. Aber von nun an werde rasch und entschieden gehandelt.