Von Dieter Buhl

Der Blick vom 17. Stock des Wolkenkratzers am Merrit Drive geht weit über die Stadt im Herzen von Texas. Dallas – notorisch für den Mord an John F. Kennedy, weltbekannt durch seine Fernsehbösewichte. Fakt und Fiktion verschmelzen hier leicht. Texaner träumen immer etwas gigantischer als andere. Einer von ihnen hegt jetzt den größten Traum: Ross Perot will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Auch bei ihm fällt es schwer, zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu trennen.

In seinem Büro dominiert, wie könnte es anders sein, Kunst, die Amerika verklärt: Plastiken von Frederick Remington, die den Wilden Westen verherrlichen, und Bilder von Norman Rockwell, dem Meister der amerikanischen Idylle. Sind dies die Modelle, nach denen Ross Perot sein Land zurückformen will?

Er zeigt auf sein Lieblingsbild. Es hängt schräg gegenüber seinem Schreibtisch, eine anmutige Rockwellszene: Ein Vater, im Monteuranzug und von der Arbeit gegerbt, sitzt auf dem Trittbrett eines Autos neben seinem verlegenen, herausgeputzten Sohn, der auf dem Weg ins College ist. "Das will ich für Amerika", erklärt der stolze Besitzer mit Elan, "daß schwerarbeitende Eltern ihren Kindern ein besseres Leben garantieren können, daß jeder seine Chance bekommt." Perots Philosophie in Öl und auf Leinwand.

Der drahtige, hellwache Milliardär wirkt nicht wie einer, der Illusionen nachjagt. Doch sein Plädoyer für traditionelle Werte, sein Ruf nach Anstand und Sauberkeit in der Politik, seine Forderung nach Abbau der Schulden und Arbeit für alle finden ein gewaltiges Echo. Der Mann, der seine Bewerbung um die Präsidentschaft noch gar nicht erklärt hat, schlägt die Amerikaner immer mehr in seinen Bann. Und er lehrt die etablierten Politiker das Fürchten.

Bringen ihn die Begeisterung und das Vertrauen um den Schlaf, die sich in Hunderttausenden von Telephonaten an sein Wahlkampfhauptquartier, in Briefen und den Unterschriftensammlungen für seine Kandidatur ausdrücken? Ross Perot fühlt sich geehrt und überwältigt. Dennoch sitzt er seinem Besucher gelassen gegenüber, ein Mann im Zentrum des Taifuns, von der Aufregung und Zustimmung unbeirrt und ohne sichtbare Eitelkeit. Aber er will nicht den Boden unter den Füßen verlieren. Deshalb hält er sich mit öffentlichen Auftritten zurück und wahrt Distanz zu den Medien. Er möchte, sagt er, nicht den Vorwahlprozeß der etablierten Parteien um die Präsidentschaft stören.

Das hat er längst getan. Die letzte Primary-Runde am Dienstag dieser Woche in Kalifornien, New Jersey und vier anderen Staaten stand eindeutig im Schatten Perots. Obwohl er sich dort nicht hatte blicken lassen und nicht einmal auf den Stimmzetteln aufgeführt war, beherrschte der Texaner die Szene. Meinungsumfragen im größten Bundesstaat Kalifornien prophezeiten ihm einen klaren Vorsprung vor George Bush und dessen demokratischen Gegenspieler Bill Clinton. In Los Angeles wollten sich selbst die Mitglieder der berüchtigten Jugendgangs auf die Seite des Mannes schlagen, der verspricht, die Staatsschulden abzubauen, die Großstädte aufzuräumen und den Politikern Beine zu machen.