Seit wir wiedervereinigt sind, wir Deutschen, zeigt mein Bonner Nachbar W., sonst ein friedliebender Mensch, immer häufiger Anflüge von Aggressivität. Nicht, daß er gegen die Ossis wäre. Im Gegenteil, er ist Berliner und einer, dem das östliche Deutschland noch das Herz bewegt. Aber nun ist er (wieder) Besitzer eines Häuschens samt Grundstück geworden, in Kleinmachnow, ehemals DDR, einen Steinwurf weg von Berlin. Und in solchen Fällen, das weiß man ja, hängt meistens der Haussegen schief und liegen bei allen Beteiligten die Nerven bloß.

Herr W. will das Häuschen weder verscherbeln noch selber nutzen, weder dessen Bewohner vertreiben noch – vorläufig – ihre Miete erhöhen. Er will nur die Bestätigung seiner Eigentumsrechte. Doch dabei ringt er nun mit der Bürokratie, die schneller als alles andere Deutsche zu einer Hydra zusammengewachsen ist. Sein Fall ist nur einer von Hunderttausenden, aber gerade das macht W. so aggressiv.

1948 hatte W.s Vater das Häuschen vermietet, weil er seinem Arbeitgeber nach Westdeutschland folgte – wie sich auch die Bindungen Kleinmachnows an West-Berlin in jenen Jahren immer mehr lockerten, genauer: allmählich gekappt wurden, bis die Mauer alles verriegelte. Schon 1950 wird das Haus samt Grundstück der VEB Grundstücks-Verwaltung Kleinmachnow unterstellt; 1957 kommt es zu einer letzten Korrespondenz, weil ein Verwandter als Verwalter eingesetzt werden könnte; doch den gibt es nicht. 1975 wird ein Schlußstrich gezogen: Weil das Häuschen als verloren gilt, erhält Vater W. im Westen Lastenausgleich. Drei Jahre später stirbt er – aber erst nach dem Einsturz der Mauer kann sich sein Sohn erkundigen, was aus der Erbschaft geworden ist.

Im Juni 1990 beantragt W. beim Staatlichen Notariat Potsdam-Land die Übertragung des Grundstücks auf sich als Erben und, ahnungsvoll, eine entsprechende Berichtigung des Grundbuchs, wenngleich er gar nicht weiß, ob das Grundbuch überhaupt noch existiert. Und schon einen Monat später schreibt ihm das Staatsnotariat zurück, daß es seinen Antrag an die „Bezirksverwaltungsbehörde, AS Potsdam, Liegenschaftsdienst, Grundstücksverkehr“ weitergegeben habe.

Dann aber kommt die lange Bank. Zwar macht die Korrespondenz mit der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Teltow Hoffnungen auf die Rück- und Übergabe des Grundstücks. Doch nun erfassen die Paragraphenmühlen des deutschdeutschen Einigungsvertrags auch W. Inzwischen kundiger, meldet er seinen Anspruch beim später so bezeichneten Amt zur Regelung offener Vermögensfragen beim Landratsamt Potsdam an. Ein Jahr danach fordert jedoch das Grundbuchamt Potsdam seinen Erbschein an. W. übersendet ihn zusammen mit einem neuen Antrag auf Berichtigung des Grundbuchs.

Im März dieses Jahres teilt das Amt die Berichtigung des Grundbuchs mit; W. ist jetzt (wieder) Eigentümer seines Häuschens samt Grundstück. Oder doch noch nicht? Denn erst bei dieser Station stellt sich die Eintragung der weiland staatlichen Verwaltung ins Grundbuch heraus. Und für deren Löschung ist nun das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen zuständig.

Also informiert W. im April diese Instanz. Und tatsächlich reagiert sie schon nach vierzehn Tagen, mit einem um Geduld bittenden Vordruck. Gegenwärtig, so schreibt das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen des Dezernats II Wirtschaft und Finanzen im Landratsamt des Landeskreises Potsdam, gegenwärtig würden erst die im Sommer 1990 eingegangenen Anträge bearbeitet, „so daß Sie sich bis zur endgültigen Bearbeitung Ihres o.a. Antrages noch geraume Zeit gedulden müssen“.