La Palma, die grüne kanarische Insel, gilt als ideales Gebiet für Wanderer: Der Berg ruft, und das gleich dutzendfach. Zur Orientierung tut Hilfe not, also war ein Stapel Reiseführer im Gepäck.

Der erste Versuch: Eine Wanderung in die Caldera de Taburiente, einen der größten Krater der Welt, die besondere Attraktion La Palmas. Auf Photos sieht dort alles schön und satt grün aus. Empfohlen wird im Reiseführer ein „leichter Spazierweg“. Er beginnt am Ende einer kleinen Straße. Auf geht’s, auf unerwartet schmalem, glitschigem Pfad, immer an einem Steilhang entlang. Nach einem halben Kilometer liegt ein älterer Mann vor uns, bäuchlings ausgestreckt. Er ist in Todesangst, zittert, weint; um die letzte überhängende Felswand habe er sich noch herumwinden können, dann aber, die nächste Klippe vor Augen, habe er alles Zutrauen in sich verloren und die nackte Panik vor dem Absturz habe ihn übermannt. Jetzt geht es nicht mehr vor, nicht mehr zurück. Wir wissen keine Lösung, die uns nicht selbst in akute Sturzgefahr bringen würde. Jedes abbröckelnde Steinchen bringt neue Angstschübe, bei uns, vor allem bei ihm. Es dauert fast eine Stunde, bis wir den armen Mann überreden, sich Zentimeter für Zentimeter wieder aufzurichten, und er den Mut findet, ein paar Dutzend Trippelschritte in Zeitlupentempo zu machen. Eine Ewigkeit später hat er es geschafft. Die Nerven aller liegen blank, aber der leichte Trip ins „Spaziergängerparadies (auch für Senioren)“ hat doch ein glückliches Ende genommen. Keinen Meter würde er mehr zu Fuß gehen auf dieser Insel, sagt der Mann und schimpft auf seine Wanderliteratur. Wir kennen das Buch sehr gut.

Tags darauf wagen wir einen zweiten Versuch mit der Caldera, auf einer beruhigend breiten Schotterpiste. Die Beschreibungen unserer Reiseführer variieren stark, bekämpfen sich in ihren Aussagen teils diametral, was Richtungen, Zeit, Entfernungen und Schwierigkeitsgrade betrifft. Jeder Autor scheint seine eigene Wahrheit zu haben. Wir beschließen, in einer Art Vertrauensbeweis, einer einheimischen Karte zu folgen. Doch die Linienführungen der Wegskizzen sind mehr in der Form eines menschlichen Dickdarmknäuels gehalten. Verloren schließlich in undurchdringlichen Büschen, hätten wir uns gerne an der Sonne orientiert – wenn die nicht in den dicken Wolkenbergen, ganz anders als auf den malerischen Photos, verschwunden wäre. Während drei Stunden verregneten Rückwegs einigen wir uns auf die Faustregel: Wo immer üppig das Grün lockt, sind auch die Niederschläge üppig.

Nächster Versuch, in vermutet überschaubarem Terrain: ein als besonders idyllisch gepriesener Rundweg im Norden der Insel beim Ort Puntagorda. Hier findet laut Reiseführer Anfang März immer das berühmte Mandelblütenfest statt, das aber, wie jedes Jahr, schon längst Ende Januar über die Bühne gegangen war – dann eben, wenn auf La Palma die unzähligen Mandelbäume wirklich blühen.

Die Wanderung soll genau bei Kilometerstein 88,6 beginnen, an einem unübersehbaren roten Forstweg. Wir suchen und suchen. Mit Schildern oder ähnlichem geizen die Palmeros sehr. Es ist nicht die Schuld unseres Reiseführers (Auflage 1989), daß die Straßen gerade neu asphaltiert wurden und alle alten Kilometersteine abgerissen sind. Wir improvisieren und fahren zurück zur letzten überlebenden Markierung (Kilometer 84), um mit Hilfe des Tachos den Startpunkt zu errechnen und schon – stehen wir im Wald. Kein Weg, nur Bäume. Mehrfaches Auf- und Abfahren, bis wir uns, fast in Höhe von Kilometer 90, für die roteste und forstwegähnlichste Abzweigung unter lauter farblosen Allerweltspfaden entschieden haben. Es wird eine schöne Wanderung, aber auf ganz anderen Wegen als von unseren Vor-Läufern empfohlen. Deren Wegbeschreibung ist ohnehin frei interpretierbar: „Auf einer Stunde Strecke geht es immer leicht bergan“, heißt es da, „keine besonderen Merkmale“.

Nach einem neuerlich mißglückten Versuch, diesmal in die Tiefen des vielgerühmten Lorbeerwalds von La Palma vorzudringen, erklären wir den Wanderurlaub für gescheitert.

Ein hübscher schwarzer Sandstrand entschädigt uns. Es sei dies, lesen wir, der einzige Badestrand der Insel. Wir sind mächtig stolz, ihn entdeckt zu haben, und verdrängen die Tatsache, daß es mindestens drei Dutzend toller Strände auf La Palma gibt.