Von Dirk Kurbjuweit

Die Granate explodierte auf einem Markt in Sarajevo. Aber einige Splitter landeten auch auf den Konferenztischen der EG in Brüssel und der Uno in New York. Zwanzig Menschen starben Mittwoch voriger Woche, weil sie an eine Feuerpause glaubten und Lebensmittel einkaufen wollten. Grausam ist der Krieg im ehemaligen Jugoslawien seit einem Jahr. Doch erst die Bilder von diesem Massaker an Zivilisten – es war bei weitem nicht das erste – rührten die Politiker in aller Welt stark genug, daß sie ihre stärkste nichtmilitärische Waffe gegen die Serben richteten.

Am Tag danach rang sich die EG zu einem umfassenden Boykott gegen Serbien und Montenegro durch. Die Uno folgte am Samstag. Die beiden Republiken, die sich kürzlich zu einem neuen Jugoslawien vereint haben, sind nun weltweit isoliert. Zwar gelten auch Kroaten oder Bosnier nicht gerade als Friedensengel. Aber sie kämpfen zu Hause, während die serbische Armee einen schmutzigen Krieg auf fremdem Territorium führt, um den dort lebenden Serben Unabhängigkeit zu verschaffen.

"Das wird uns hart treffen"

Auf den serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic schien der Boykott keinen großen Eindruck zu machen; er nannte die Beschlüsse "lächerlich". Der Belgrader Wirtschaftsprofessor Ljubomir Madžar, einer der führenden Ökonomen des Landes, ist da anderer Meinung: "Das wird uns hart treffen."

Bis der Boykott wirkt, können drei bis vier Monate vergehen. Für die Armee und die serbischen Freischärler bliebe damit genug Zeit, die Nachbarrepubliken weiter zu verwüsten. Den Bosniern, die sich in den Kellern von Sarajevo verkrochen haben, scheinen die Beschlüsse damit zunächst wenig zu helfen.

Allerdings sieht Jens Reuter, Jugoslawienexperte am Südost-Institut in München, kurzfristig eine psychologische Wirkung: "Milošević wird trotz aller Sprüche schon jetzt darüber nachdenken, ob es sich lohnt, Serbien für die Interessen der Serben in den anderen Republiken zu ruinieren. Und das serbische Hemd wird ihm näher sein als der serbische Rock." Reuter rechnet daher mit einem raschen Einlenken des Mannes, der weltweit nun noch weniger Freunde hat als Iraks Herrscher Saddam Hussein.