Noch 1978 war Rolf Hochhuth für echte Skandale gut: Ein echter Ministerpräsident mußte zurücktreten – wg. Hochhuth. Schon vorher hatte ein echter Papst ihn beschimpft, ein echter deutscher Bundeskanzler sich für ihn entschuldigt, und ein echter britischer Premierminister war nach neuen Enthüllungen Hochhuths in Bedrängnis geraten.

Seine Enthüllungen hat Hochhuth schon immer in Theaterstücke verpackt. Nach 1978 blieben die Skandale aus. Was folgte, war bloß der Skandal einer nicht enden wollenden Reihe unerträglich schlechter Lesedramen, mal über die Schocklungenbehandlung, mal über den Tyrannenmord. Und der neue Hochhuth-Skandal, der gerade über die deutsche Blätter-Bühne geht, wirkt bloß noch wie eine gelungene PR-Kampagne: Der Autor H., wie er sich allzu dreist in Szene setzt, wird selbst zum Skandalon.

Rolf Hochhuth schreibt ein neues Stück; es heißt "Wessis in Weimar – Satiren aus einem besetzten Land". Schon der Titel verrät uns mehr über den Inhalt dieses Werks, als wir jemals wissen wollten. Behandelt wird unter anderem der Mord an Treuhand-Chef Detlev Rohwedder – und das wohl mit einigem Verständnis für den Täter. Zweiter Akt: Hochhuth gewährt dem manager magazin ein provozierendes Interview; das Blatt macht einen provozierenden Aufmacher daraus; das nützt beiden. Das manager magazin schaltet eine doppelseitige Anzeige im Spiegel: "Jetzt rechtfertigt der Dramatiker den Mord an Detlev Rohwedder". Hochhuth brüllt "Verleumdung", Zeter und Mordio. Der dpa-Ticker kommt in Bewegung: noch mehr Skandal! Dritter Akt: Der Spiegel präsentiert der wohlvorbereiteten Öffentlichkeit – nicht unerwartet – eine Schlüsselszene aus dem provozierenden Hochhuth-Stück, das bisher noch keiner kannte.

Diese Szene ist (auch das kommt nicht unerwartet) kläglich. Hochhuth bringt Stammtisch-Argumente. Aber anstatt einen Brandbrief zu verfassen, eine quergedachte, querulantische, aber wenigstens amüsante Philippika, will Hochhuth das Drama – das ist seine Tragödie. Seine dramatischen Figuren sind aus jenem Holz, aus dem man Aktenschränke schnitzt; aus Aktenschränken kommt Papier, und auf dem Papier stehen Hochhuth-Sätze: "Da ich keinem Böses tue – warum lachen Sie! – vielen aber Gutes, wäre meine Ermordung so irrational, das heißt: für andere zwecklos wie durch eine Lawine." Hildegard, eine "schöne, großgewachsene Pfarrerstochter" mit "nackten Armen, nackten Beinen" stellt dem "Präsidenten" manch provozierende Frage. Aber: "Antworten kann er ihr nicht mehr, denn ein Schuß in den Hinterkopf hat den Mann auf den Teppich geworfen, ohne daß ihm auch nur ein Schrei noch von den Lippen gekommen wäre – der Schrei, ein langer Aufschrei, der in ein Weinen und Wimmern übergeht, kommt von ihr."

So wird es weitergehen (wie immer nämlich): "Wessis in Weimar" erscheint, lange vor der Premiere, als Lesefassung; ein dicker Band, der, wenn man ihn schließt, knallt wie ein Schuß. Der Schrei, ein langer Aufschrei, der in Weinen und Wimmern übergeht, kommt vom Leser.

Die eigentliche Groteske hinter der Tragödie (des von Langeweile gemordeten Lesers) und dem Skandal (des zum Dramatiker aufgeblasenen Buchhalters) bleibt ungespielt: Ein Wessi (von der Treuhandanstalt) krempelt die Ärmel hoch. Er zieht nach Ossiland und wird von einem Wessi (von der RAF) erschossen. Noch ein Wessi (R. Hochhuth) macht ein Drama daraus und bringt seinen Namen werbewirksam in die Wessi-Presse – das alles, Treuhand, Treuhand-Mord und Treuhand-Mörder-Drama, natürlich nur zum Wohle unserer armen, minderbemittelten Mitbürger in den neuen Bundesländern.

Und kein Ossi, nirgends. Das ist der Skandal.

Robin Detje