Der schlimmste Feind des Kinos ist die Langeweile. Um sie zu vertreiben, haben die Stummfilmstars den Slapstick, hat Hitchcock den Suspense und Hollywood Maschinen und Monster erfunden. Ob Romanze, Materialschlacht oder Massenmord: Der Spannung zuliebe ist alles erlaubt.

Zum Beispiel "Babylon". Der Münchner Regisseur Ralph Huettner hat sich an "Rosemaries Baby" erinnert und einen Splatter-Film daraus gemacht, mit blutigem Chirurgenbesteck, wandelnden Embryos und Sado-Maso-Spielereien in Designerklamotten. Da liegt ein Auge im Vorgarten, eine Schwangere platzt, und der Teufel persönlich leckt sich die Lippen: eine Spezialität für Freunde des Geschmacklosen. Die abstruse Geschichte der Krankenschwester Maria, der kein Dialog ("Ich fick’ dich in die Hölle") zu obszön, keine Farbkombination (orange mit rosa) zu schrill und keine Nahaufnahme (bloßgelegtes Gedärm) zu eklig ist, hat immerhin einen Vorteil: Anders als die meisten deutschen Filme schert er sich nicht um die Realität.

Aber dann schlägt Maria die Augen auf, der Alptraum hat ein Ende, ein Kind ward geboren, die Welt ist in Ordnung. Wer ins Kino geht, um das Fürchten zu lernen, sollte "Babylon" zehn Minuten vor dem Abspann verlassen. Denn der Filmschluß verrät die Lust am Bösen an die Regeln der Logik und entlarvt den Horrortrip als Stilübung. Kein Wunder, daß Natja Brunckhorst ("Christiane F.") in der Hauptrolle weniger den Thrill als ihr hübsches Gesicht zur Schau trägt. Am Ende gilt der eigentliche Schock dem blutverschmierten Sportswear – schade um die modische Strickkombination.

Auch Barbara Auer ist eine Schönheit, und auch die gerät in Unordnung. Der Grund: Mutterliebe. Barbara Auer spielt Ruth, die geschiedene, berufstätige Mutter der sechsjährigen Sofia. "Meine Tochter gehört mir" von Vivian Naefe schildert zunächst den Alltagsstreß einer alleinstehenden Frau: Frühstück im Stehen, quengelndes Gör, am Arbeitsplatz ein zynischer Oberarzt. Auch der Horrortrip, den Ruth durchläuft, läßt an Realitätssinn nichts zu wünschen übrig: Sofia wird von ihrem griechischen Vater, Ruths Exmann Nikos, auf den Peloponnes entführt. Nach einem nervenaufreibenden Behörden-Marathon bleibt Ruth nur die Rückentführung nach Deutschland, denn das griechische Recht ist auf der Seite des Mannes. Solche Fälle von "legalem Kidnapping" geschehen jährlich dutzendfach.

Zwar betont Vivian Naefe, "Meine Tochter gehört mir" verhandle einen Streit zwischen zwei Menschen und nicht zwischen Nationalitäten; Ausländerfeindlichkeit à la "Nicht ohne meine Tochter" weist sie von sich. Aber ihr Film argumentiert anders. Für die Unerbittlichkeit der Mutter liefert er eine vulgärpsychologische Erklärung: die unglückliche Kindheit. Die Sturheit des Vaters jedoch versteht sich von selbst: Ein Kind braucht Familie, so ist es Tradition. Als Ruth zum letzten Mittel greift und mit Nikos ins Bett geht, nimmt er sie von hinten. So machen’s die Griechen: Ruths deutschem Freund, einem Softie aus dem Typenkabinett, käme das nie in den Sinn.

Auch was das Kind Sofia (Nadja Nebas) betrifft, verzichtet der Film auf jede Erklärung. Griechenland ist Märchenland und Nikos ein Traumpapi, aber trotz ewigem Sonnenschein, fürsorglicher Oma und dem Badestrand vor der Haustür will Sofia nur zur Mann zurück – und singt am liebsten "Fuchs, du hast die Gans gestohlen". Das Mädchen bleibt Manövriermasse, zwischen den Eltern genauso wie für die Story: bloßer Anlaß für einen dramatischen Zweikampf bis hin zum Showdown bei laufendem Flugzeugmotor.

Ein Kind, an dem die Eltern zerren – dieser Konflikt verlangt ein Kino der Affekte. Vivian Naefe jedoch verlegt die Spannung auf den visuellen Effekt und appelliert an die Instinkte des Tatort-Publikums. Den Zwiespalt inszeniert sie als Verfolgungsjagd, das juristisch-politische Problem wird auf ein finanzielles reduziert (100 000 Mark für den Profi-Kidnapper), und die einzige Aussprache des Exehepaars bleibt auf Schnitt und Gegenschnitt beschränkt. Wenn Emotionen ins Spiel kommen, wird Abendstimmung verbreitet, die leere Schaukel in Ruths Wohnungsflur signalisiert Einsamkeit und der zerzauste Teddy die Blessuren, die Sofia davonträgt. "Meine Tochter gehört mir" gehorcht der Fernseh-Konvention und ihrer Ästhetik der immer passenden Umgebung, der pünktlichen Stichworte und glatten Gesichter.

Vivian Naefe und Ralph Huettner mühen sich nach Kräften, ihr Publikum in Atem zu halten. Dabei stehen sich beide selbst im Weg. Huettner verläßt der Mut zum Experiment, und Vivian Naefe weicht erst gar nicht von den ausgetretenen Pfaden ab. Die Angst vor der Langeweile gebiert eben nicht immer Ungeheuer. Oft ist das Ergebnis nur ein harmloses Balg. Christiane Peitz