Langsam weicht die Euphorie von 1989 einer schmerzhaften Ernüchterung. Der mörderische Bandenkrieg in Bosnien als Symbol einer neuen Zeit, dreißig Prozent Arbeitslose selbst im konsolidiertesten Teil des früheren Ostblocks, in Ostdeutschland, die großen Zwickmühlen (ökologische Krise, Schuldenfalle) zwar identifiziert, aber ungelöst und in den USA wie in den meisten westeuropäischen Kernländern eine Krise der politischen Klasse, die ernster ist als je seit 1945 – welche Rolle spielt eigentlich die Universität in dieser Situation? In welche Richtung beeinflußt sie die Eliten von morgen? Wirkt sie als Forum für die dringend notwendigen großen Debatten? Was trägt die in den Universitäten institutionalisierte Wissenschaft zur Lösung der sich offensichtlich zuspitzenden Menschheitsprobleme bei?

Über viele Jahre hätte man auf solche Fragen aus den meisten deutschen Universitäten nur ein gereiztes Schnauben als Antwort bekommen. Gewürgt von Kapazitätsverordnungen und erschreckt von der romantischen Politisierung der späten sechziger Jahre, hatte sich (fast) eine ganze Professorengeneration auf Bindestrich-Empirie und Bildungsadministration geworfen. Aber plötzlich vernimmt man neue Töne – aus dem Geburtsjahrgang 1960.

Der junge Philosoph Vittorio Hösle wird vor das erlauchte Gremium der Hochschulrektorenkonferenz geladen und spricht ungeniert von „Eskapismus im elfenbeinernen Turm hochspezialisierter Forschung“. Er bringt den Mut auf, den historischen und relativistischen Zeitgeist wegzuwischen und sozusagen naiv zu fragen, was an den Konzepten Wilhelm von Humboldts, Schleiermachers oder Karl Jaspers’ eigentlich noch verwendungsfähig sein könnte. Wird er Antworten bekommen oder an eine Mauer verständnislosen Schweigens stoßen?

Nun hat Hösle die Vor- und Nachteile eines Wunderkindes. Dieser Reinhold Messner der Philosophie hat sich vorgenommen, den objektiven Idealismus zu rekonstruieren; bei solch einem Vorhaben ist es erstaunlich, daß er „das Mysterium der Persönlichkeit“ gegen die moderne Naturwissenschaft ausspielt. Aber es führt in die Irre, den „inneren Zusammenhang unserer Bewußtseinsakte“ gegen „den biochemischen Zusammenhang zwischen ... Gehirnzuständen“ in Stellung zu bringen; die Wissenschaft muß das eine wie das andere beschreiben und erklären. Die unvoreingenommene Bereitschaft, ein Buch aus dem ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ernst zu nehmen (und nicht nur historisch zu lesen), kann neue Perspektiven eröffnen; die pathetische Aburteilung moderner Gehirnforschung mit den Kategorien von Schellings Naturphilosophie wäre dagegen obskur. Hösle hat durchaus recht, wenn er die Bedeutung der Persönlichkeit (von Forschern und Lehrern) in der Universität hervorhebt und auf den alten Gedanken der Persönlichkeitsbildung durch Wissenschaft zurückkommt. Aber er muß erkennen lassen, daß er die Rahmenbedingungen kennt, unter denen solche Ideen in der Massenuniversität des späten 20. Jahrhunderts allenfalls verfolgt werden können, und sollte die Pose altmeisterlicher Allzuständigkeit meiden. Die Planstelle von Leibniz ist derzeit – und wohl für alle Zukunft – nicht mehr besetzbar.

Solche Einwände widerlegen aber nicht den Kern von Hösles Argumentation. Sie besagt: Eine Wissenschaft, die sich (bei tausend Korrekturen im einzelnen) an das Programm halten will, das Descartes und Bacon am Ausgangspunkt der Moderne formuliert haben, darf sich nicht in die „Bodenlosigkeit des Spezialistischen“ (Jaspers) fallenlassen. In der Tat stehen uns „stürmischere Jahrzehnte“ bevor: Die Hilfe systematischer Forschung und rationaler Argumentation ist geradezu gebieterisch gefordert. Die Universitäten müssen den Abstieg zu gleichgültigen Klippschulen, den sie im späten 18. Jahrhundert schon einmal zurückgelegt hatten, nicht wiederholen. Dann müssen sie sich aber wieder gründlicher fragen, „was die Menschheit in der gegenwärtigen Situation eigentlich braucht“.

Manch deutscher Professor wird hinter dieser „Erneuerung“ eines alten Auftrages der Universität einen fragwürdigen Versuch zur „Politisierung“ wittern. Es geht aber nach dem Zusammenbruch des Marxismus-Leninismus gerade nicht um Parteilichkeit der Wissenschaft, sondern um eine vom „Prinzip Verantwortung“ gesteuerte Aufbereitung empirischer Forschung und um die Anwendung der Regeln rationaler Argumentation. Die Politik darf – bei aller Respektierung der oft unausweichlichen Vielfalt wissenschaftlicher (fallibler) Hypothesen – nicht gleichgültig einander widersprechenden „Gutachten“ überlassen werden. Die Debatte um die Erwärmung des Weltklimas, die gerade auf der Unced-Konferenz in Rio eine wichtige Rolle spielt, als Beispiel: Es wäre zu zeigen, daß die Existenz widersprüchlicher „Theorien“ keineswegs notwendigerweise zum Attentismus führen muß. Wenn die Universität derartige Debatten beispielhaft führte, könnte sie ein großes Stück der gesellschaftlichen Bedeutung, die sie in den letzten Jahrzehnten verloren hat, zurückgewinnen.

Die Themen für solche „Klärungen“ drängen sich geradezu auf: Ob es sich um die Notwendigkeit einer neuen Theorie des internationalen Handels angesichts der überragenden Stellung Japans in der Informationswirtschaft handelt, um die Chancen und Risiken der Fusionsforschung bei der Konzipierung einer neuen Energiepolitik oder um die Ethik des begrenzten Krieges, der nach dem Zerfall der Doppelhegemonie von USA und UdSSR auch in Europa wieder (schrecklicher) Alltag der Politik geworden ist: zu all diesen Problemknoten kann die rationale öffentliche Debatte über empirisch gewonnene Forschungsergebnisse wichtige Einsichten beisteuern. Vittorio Hösles schriller Protest gegen „Geforsch“ und Eskapismus war nötig, sein Plädoyer für eine Wiederherstellung des „aufklärerischen“ Anspruchs der Universität verdient eine ernsthafte Auseinandersetzung.