Die Koalition Kohl/Möllemann ist gerettet, jedenfalls bis zum Sommer. Das war zwar nicht das erklärte Ziel der Vier-Parteien-Runde beim Bundeskanzler und erst recht nicht die Absicht der Sozialdemokraten. Doch wie man aus der Sozialwissenschaft weiß, sind die unbeabsichtigten Folgen einer Maßnahme mitunter das Entscheidende, „was hinten rauskommt“ (Kohl).

Im Fall des ominösen Bonner Treffens von Koalition und Opposition, das laut Björn Engholm so verlief, daß jedweder Gedanke an eine große Koalition fürs erste hinfällig ist, war für die Gastgeber das vielleicht wichtigste Resultat die Tatsache, daß „die drei Koalitionsparteien zum ersten Mal seit langem wieder geschlossen auftraten“. Neue Bonner Bescheidenheit.

Die Notlage der Regierenden ist damit jedoch nicht beendet. Das zeigten Anfang der Woche die neueste Aufregung um Jürgen Möllemanns angebliche „Verschwörung gegen Kohl“ (Bild) und die Gerüchte über eine angebliche Bereitschaft des frischgebackenen Vizekanzlers, den Streit um die Pflegeversicherung bis zum Äußersten, nämlich dem eigenen Rücktritt, zu treiben.

Das erinnert ein wenig an die Endzeit der Vorgängerkoalition vor nunmehr einem Jahrzehnt. In so einer Abbruchstimmung ist kein Gerücht waghalsig genug, daß es nicht im bedrängten Kanzleramt nervös auf seine Echtheit überprüft würde. Selbst wenn es um Möllemann geht.

Analogien zu 1982: Auch damals wurden unter Erfolgsdruck Pakete aus den unerledigten Fragen geschnürt, vornehmlich Sparpakete. Ein so bizarres Bündel wie das der FDP, in dem Kompromisse zwischen den Bereichen Verbrechensbekämpfung („Lauschangriff“) und Sozialpolitik (Pflegeversicherung) verrechnet werden sollen, war allerdings nicht darunter. Hektik signalisiert auch das Überraschungspaket der Koalition zur Dämpfung der Gesundheitskosten: Selbstbeteiligung statt Beitragserhöhung. So läßt sich Kohls kühne Selbstverpflichtung – keine Erhöhung von Steuern und Abgaben – eine Zeitlang noch durchhalten. Aber wie lange?

Egal. Das ist zweitrangig. Wichtig ist für das Bonner Bündnis: überhaupt durchhalten. Über die „Durststrecke“ (Kohl) kommen. Stück für Stück. Bis 1994. Wenn es sein muß, eben auch mit Hilfe der SPD. Werner A. Perger