HANNOVER. – Fußballprofi Carsten Surmann macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Vom Instinkt her bin ich eher gegen die Expo“, bekannte der Kicker jüngst in einer Umfrage der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) und führte vor allem „Umweltbedenken“ ins Feld. Für den Fall, daß die Weltstadtträume der Leinemetropole endgültig platzen sollten, hat der Kapitän von Hannover 96 vorgesorgt: Mit seiner Elf holte der Fußballer – herrlich, herrlich, herrlich – immerhin schon mal den DFB-Pokal nach Hannover und schraubte zumindest seinen Verein empor aus Mittelmaß und Zweitklassigkeit.

Den Altvorderen der niedersächsischen Landeshauptstadt ist das nur Ansporn zu sehr viel Höherem. Sie wollen nicht länger zweite Liga unter den Städten sein und bestehen darauf, das dritte Jahrtausend in Hannover einzuläuten, wie es eine Hochglanzbroschüre zur Expo 2000 verheißt. Nahezu alle, die in der Stadt bedeutende Ämter bekleiden, sind dafür. Nur die im Rat mitregierenden Grünen tanzen aus der Reihe – und haben bekanntlich eine Bürgerbefragung durchgesetzt.

Bundesweit erstmalig befinden die Bürger einer Stadt darüber, ob die Entscheidung ihrer gewählten Vertreter richtig war oder nicht. „Expo – Ja oder Nein“, lautet die alles entscheidende Frage. Die Stimmkarten – exakt 424 876 – sind verschickt. Spätestens bis zum 10. Juni muß die portofreie Rückantwort im Briefkasten sein. Ob ein „Ja“ oder ein „Nein“ darauf steht, dürfte sich nicht nur in Hannover, sondern auch in Bonn auswirken. Denn dort tritt der Finanzminister kräftiger denn je auf die Bremse, und nur ein sehr überzeugendes Votum der Hannoveraner könnte Bonn vielleicht doch noch dazu bewegen, eine Milliarden-Bürgschaft zu übernehmen.

Alles, was Rang und Namen hat, wird darum gegenwärtig in teuren Anzeigenkampagnen aufgeboten, Expo-Begeisterung zu verbreiten. „Wenn die Beatles mit Julian Lennon im Jahr 2000 den Superdome einweihen“, versprechen beispielsweise die Scorpions, eine niedersächsische Rockband mit Weltruhm, „sind wir dabei.“ Und für die Umweltministerin Monika Griefahn ist die Expo „eine der letzten Möglichkeiten, gemeinsam Lösungen für den Nord-Süd-Konflikt zu finden“. Es kommt sogar vor, daß Prominente für die Kampagne vereinnahmt werden, die eigentlich dagegen sind. Zukunftsforscher Robert Jungk etwa hat sich in einem bitterbösen Brief darüber beklagt, daß ihn die Stadt mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat für ihren Werbefeldzug mißbrauchte.

Noch geben die Anhänger der Superschau den Ton an. Hinter den Freunden der Expo-Idee, die 1987 am Rande der Hannover-Messe quasi aus einer Sektlaune heraus geboren wurde, steht offensichtlich viel Geld. Die Norddeutsche Landesbank beschwört „Weitblick auf norddeutsche Art“, IBM gibt sich umweltbewußt, „Global denken – regional handeln“ postuliert die Kreissparkasse, und auch das Kraftfahrzeuggewerbe sagt „Ja zur Expo“. Ein privater Trägerverein plakatiert Sprüche wie „Expo 2000 bringt Hoffnungen“ und finanziert die erwähnte Prominentenkampagne. Anzeigenfinanzierte Zeitungsbeilagen und kostenlose Hochglanzbroschüren sollen das Expo-Fieber ebenso in die Höhe treiben wie das einstimmige Konzert sämtlicher hannoverscher Medien – vom NDR bis zu Bild, alle sind dafür. In seltenem Schulterschluß rühren auch Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften die Expo-Trommel, „Lebensfreude und neue Ideen“ verheißen sie in einer ebenso großen wie einfallslosen Anzeige. Sehr viel beschwörender wendet sich da schon der Zweckverband Großraum Hannover in von Hapag-Lloyd gesponserten Annoncen ans Publikum. „Liebe Renate“ (ersatzweise „Lieber Lutz“), heißt es da auf grünem Grund. „Sag endlich ja.“

Gemessen an den Riesensummen, die die Wirtschaft und diverse Großverbände investiert haben, nehmen sich die 490 000 Mark im Werbeetat der Stadt Hannover eher aus wie Klimpergeld. Unter anderem wurde eine Expo-Zeitung, die an alle hannoverschen Haushalte verteilt worden ist, davon bezahlt. Für die Kampagne der Gegner hat die Stadt immerhin 110 000 Mark eingeplant. Ausgezahlt wurde aber bisher nur ein Bruchteil der Summe. Umweltverbände und Grüne klagen über bürokratische Hürden bei der Bewilligung des Zuschusses.

Bis zu 140 000 Mark dürfen darüber hinaus die sogenannten Anwaltsplaner verbrauchen – Architekten und Stadtentwickler, die der Weltausstellung kritisch gegenüberstehen und den Gegnern mit einer kleinen Broschüre gerade Argumente an die Hand gegeben haben. Die Autoren gehen unter anderem der Frage nach, ob die Expo-Bewerbung Hannovers wirklich das Ergebnis repräsentativer Willensbildung gewesen ist, wie immer behauptet wird. Mitnichten, meinen sie. Erst ein Jahr nachdem die damalige Finanzministerin Birgit Breuel (CDU) mit dem Vorstand der Deutschen Messe AG die Expo-Idee am Kamin ausgeheckt hatte, sei das Thema an parlamentarische Gremien herangetragen worden. Und schon zwei Wochen bevor sich der Stadtrat überhaupt entschied, habe Bonn sich beim Pariser Expo-Büro um die Ausrichtung an der Leine beworben. Jetzt möchte Bonn von dem teuren Spektakel nichts mehr wissen. Während Stadt und Land schon um die zwanzig Millionen Mark investiert haben, ist aus Bonn bisher kein Pfennig geflossen.