Nisse wohnt in einem Mietshaus in irgendeiner Stadt in Schweden. Einmal hat ihm die Mutter eine Schirmmütze gekauft. Ein andermal ist er zum Friseur gegangen. Das sind die zwei oder drei Dinge, die wir von Nisse wissen. Nicht viel, aber genug, um ihn zu lieben.

Olivia zum Beispiel liebt Nisse, insbesondere jene Szene, da Nisse durch den Regen rennt. Eben noch stolzierte er hochgemut durch die Stadt. Jetzt ist der Mützenschirm naß und weich und kippt ihm vor die Augen. Nisse stolpert über die Bordsteinkante. „Nisse gucken, gomm“, sagt Olivia, und sie meint damit Olof und Lena Landströms Buch „Nisses neue Mütze“. Daß Nisse ein blutiges Knie hat, gefällt ihr. Dann will sie ein Pflaster, genauso eins wie Nisse.

Olivia ist zwei Jahre alt und für Nisses neuestes Abenteuer („Nisse beim Friseur“) zu klein. In diesem Buch sind die Pointen versteckt. Das Wort Abenteuer ist ein bißchen stark für die zwei oder drei Dinge, die sich eher im Kopf abspielen als auf der Straße. Genauer gesagt: auf dem Kopf.

Beim Friseur blättert Nisse in einer Zeitschrift und entdeckt den Haarschnitt, den er will. Der Friseur macht sich an die Arbeit. Wir aber sehen weder das Bild noch den Fortgang seiner Bemühungen. Das Ergebnis überrascht nicht nur die Mutter und die Klassenkameraden, die ihn bewundernd umringen, sondern auch uns. Nisses Strähnen sind zu einem Bürzel geschürzt. Mitten auf dem Kopf erhebt sich eine ondulierte Fontäne, ein erstarrtes Fackelfeuer, wie es die Freiheitsstatue trägt.

Am Ende dieser Geschichte spendiert die Mutter Nisse und sich selber ein Eis. Es ist rosa, aber sonst sieht es genauso aus wie Nisses Bürzel. Durch die geöffnete Ladentür sehen wir den Friseur, der seinem Kunden den Spiegel hinhält. Auf dem Kopf des dicken Mannes zwirbelt sich der neueste Schrei, ein Bürzel à la Nisse.

Die Bilder erzählen die Geschichte, nicht der sparsame Text. Mehr noch als das erste Buch ist „Nisse beim Friseur“ ein Comic strip mit dem lakonischen Witz eines Buster Keaton. Die Bilder verziehen keine Miene. Es sind, wie früher in Illustrierten die Legende hieß, Bilder „ohne Worte“. Der zeichnerische Aufwand ist gering: Punkt, Punkt, Komma, Strich ... Der Effekt aber ist gewaltig. Weniger wäre in diesem Fall nichts. Daß Nisse keine Lust auf den Friseur hat, versteht sich erstens von selbst, und zweitens sieht man es. Mutter und Sohn bilden ein auseinanderfallendes Trapez, das durch den kräftigen Zug der Mutter nach vorne und den nicht minder kräftigen von Nisse nach hinten stabil bleibt. Daß der Figaro Nisses ungewöhnliche Bitte als Appell an seine Berufsehre begreift, wird aus seiner grandiosen Geste klar, die eines Dirigenten würdig wäre.

Solche Feinheiten sind den betrachtenden Kindern wohl nicht immer bewußt. Aber unbewußt begreifen sie die zeichnerische Dramatik und die dezente und nachhaltige Komik. Wer die Bilder genauer betrachtet, entdeckt Geschichten, die keine Geschichte erzählen könnte.