Zunächst hadere ich mit meinem Gott, daß diese schreckliche Geschichte mit dem erschossenen Studenten in Berlin passiert ist. Ich habe bis zuletzt versucht, den Besuch dieses furchtbaren Schahs zu verhindern. Den Toten kann kein Bedauern wieder lebendig machen. Ich habe mit Frau Ohnesorg später darüber viel geredet. Und das sage ich natürlich auch jetzt ganz offen: Die damalige Studentenbewegung – der Aufstand gegen das Establishment, wie die das damals nannten – hatte seinen Märtyrer und damit natürlich einen ungeheuren Auftrieb. Aber sie war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil in dem Soziologen- und Politologenchinesisch, mit dem die Studentenbewegung sich damals öffentlich kundtat, keinerlei Verbindung zum normalen Bürger hergestellt werden konnte. Ich habe oft gesagt: Wenn ihr ein bißchen mehr Deutsch gesprochen hättet und ein bißchen mehr eingegangen wärt auf die tatsächlichen Verhältnisse damals, dann hätte das einen gewissen Erfolg gehabt. Es hat natürlich trotzdem einen Erfolg gehabt. Denn seit damals wird über vieles sehr viel offener geredet. Ohne diese Geschichte wäre es auch nicht zu einer sozialdemokratischen Bundesregierung gekommen, ganz sicher nicht.

Heinrich Albertz zu jener Zeit Bürgermeister von Berlin,

über die Ereignisse am 2. Juni 1967

(siehe auch ZEITmagazin „Die groBe Wut“).