ARD, Mittwoch, 10. Juni, und Sonntag, 14. Juni, jeweils 20.15 Uhr: "Ein Kartenhaus", zweiteiliger Fernsehfilm der BBC, Regie: Paul Seed

Ein gepflegtes englisches Landhaus, die Sonne lacht. Im schwarzen BMW fährt Roger O’Neill vor, der PR-Mann der Regierungspartei. Er kommt auf Einladung des Fraktionsvorsitzenden Francis Urquhart, der ihn mit britischer Distinguiertheit empfängt. Urquhart steht kurz vor der Bestätigung als Prime Minister, und O’Neill war ihm auf seinem Weg dahin dienstbar. Sie gehen ins Haus, trinken Whisky und sind guter Dinge. Sie haben es geschafft.

O’Neill hat zuviel geopfert, als daß er sich nun lange beim Vorgeplänkel aufhalten wollte; gleich kommt er auf die neue Verteilung der Posten zu sprechen, kauert mit leuchtenden Augen auf dem schwarzen Leder und will endlich beschenkt werden, belohnt, entschädigt ... Urquhart hat für ihn nur sanften Spott, diesen indignierten kleinen Augenaufschlag, den man anfangs so liebenswert fand, so typisch britisch. Nun aber neigt sich die Komödie um das Spiel mit der Macht schon ihrem Ende zu, und man kann das vornehme Lächeln des Francis Urquhart so liebenswert nicht mehr finden. Das Unheimliche ist nur: Man findet kein Arg in seinen Zügen, so wie auch seine politischen Weggefährten, die er nach und nach zu Fall gebracht hat, keinen Augenblick dem integren Mann mißtraut haben. Urquhart ist ihrer aller Daddy und großer Verderber. Ian Richardson spielt diesen Alten so honorig wie lüstern, so feinsinnig wie brutal, einen Mann, der das politische Geschäft als gewissenloses Ränkespiel verinnerlicht hat. Diese schillernde, mordsgefährliche Vaterfigur macht den Film (nach einem Buch von Michael Dobbs, dem früheren Berater von Margaret Thatcher) zu einem Politthriller ersten Ranges.

O’Neill, der PR-Mann, ward natürlich auch getäuscht, er soll auf seinem subalternen Posten bleiben. In seiner Wut wächst er für einen Moment über sich hinaus, verflucht den Alten und droht zu verraten, wen er in seinem Auftrag belogen und betrogen hat. Der Alte macht ihm rasch neue Hoffnung, und der arme kokainsüchtige Kerl kriecht wieder zurück in die Devotion, betrinkt sich und heult wie ein Kind. Als er die Flasche leer hat, wird er grundsätzlich. "Daß es mal so weit mit mir kommt, hätt ich nicht gedacht. Haben Sie gedacht, daß es mal so weit mit Ihnen kommt, Francis? Als Sie ein Junge war’n und das Herz eines Jungen hatten?" Francis Urquhart antwortet mit unbewegtem Gesicht, aus dem Halbschatten. Was er sagt, klingt, als käme es nicht aus ihm, und der betrunkene Roger sucht vergeblich, woher die Stimme kam: "Wenn ihr durchschauen könntet die Saat der Zeit und sagen könntet, dies Korn sproßt und jenes nicht..." Ein kleines Zitat in einem Film, der tatsächlich shakespearesche Dimensionen hat.

Als Roger schläft, wird der Alte den weißen Stoff aus dessen Reisetasche mit Rattengift vermischen. Wieder der konspirative Blick in die Kamera: Wir sind Mitwisser. Es ist das letzte Mal, daß er sich so selbstsicher an seine Zuschauer wendet. Als ihm die Kamera auf seinem triumphalen Weg zur Queen zu nahe kommt, wehrt er sie ab. Da braucht er auch uns nicht mehr, die ihm so lang tatenlos zusahen. Martin Ahrends