Von Helga Hirsch

Vor dem .Kulturzentrum von Lamač, dicht vor den Toren Bratislavas, tummelt sich eine buntgekleidete Menge. Die Blaskapelle spielt auf, aus der Gulaschkanone wird kostenlos Eintopf verteilt. Im Versammlungssaal erhalten die Leute noch fünfzig Gramm gemahlenen "Mečiar"-Kaffee obendrein. Der Führer der Bewegung für eine demokratische Slowakei (HZDS), Vladimir Mečiar, weiß, wie man werbewirksam auf Stimmenfang geht.

Niemand ist in der Slowakei so populär wie Mečiar. Seine Landsleute lieben ihn, obwohl er autoritär, demagogisch und unberechenbar ist. Sein Charisma zieht sie an und sein unerschütterliches Selbstvertrauen. Das läßt die Slowaken ihren Minderwertigkeitskomplex vergessen, in der kleineren, weniger entwickelten Nation im tschechoslowakischen Staatsverband zu leben. Mečiar sei ihr Franz Josef Strauß, schwärmen seine Anhänger, ein unerschrockener Draufgänger, der die Tschechen endlich in die Schranken weise.

Dem Bürger, der sich vor Arbeitslosigkeit und freier Marktwirtschaft fürchtet, verspricht Mečiar Arbeit, Auskommen und Sicherheit. Dem Slowaken, der sich durch vierzig Jahre tschechische Politik gedemütigt fühlt, stärkt er das nationale Rückgrat gegen Prag – und gegen ausländische Investoren. Was macht es schon aus, daß der geschenkte Kaffee von einem österreichischen Mäzen stammt? Mečiar spielt eben auf verschiedenen Klaviaturen. Er ist auf keine Ideologie festgelegt, an keine Vision gebunden. Journalisten stellten eine Broschüre mit seinen widersprüchlichen Aussagen zusammen. Mečiar will nur die Macht. Also redet er dem Volk nach dem Mund.

Gleich nach der samtenen Revolution im Herbst 1989 hatte er vehement für die Beibehaltung der föderativen Staatsform plädiert und die wirtschaftliche Schocktherapie von Finanzminister Václav Klaus unterstützt. Sobald sich jedoch die unvermeidlichen Härten der Übergangszeit zeigten – und das geschah in der Slowakei wegen der Konzentration von Rüstungs- und Schwerindustrie schneller als im tschechischen Landesteil –, schwenkte er die Fahne um 180 Grad: Seit gut einem Jahr zieht er gegen Prag zu Felde, will mit der Slowakei als "selbständigem völkerrechtlichem Subjekt" in Europa einziehen und der Klausschen Therapie des "Aderlasses" in der Slowakei einen Riegel vorschieben.

Mečiars Anhänger stört die Wendigkeit ihres Führers nicht. Kritik empfinden sie als Verleumdung – und halten noch stärker zu ihm. Sogar aus Skandalen zieht Mečiar noch Vorteile. Als er im Sommer 1991 wegen selbstherrlicher und undurchsichtiger Machenschaften als Regierungschef abgesetzt wurde, versicherten ihm Zehn tausende ihre Gefolgschaft auf den Straßen. Nicht einmal der Verdacht auf geheimdienstliche Tätigkeit unter den Kommunisten konnte seinen Ruf gefährden: Dem geliebten Führer sehen die Slowaken fast alles nach, während sie dem ungeliebten Regierungschef Jan Carnogursky, dem Spitzenkandidaten der Christlich-Demokratischen Bewegung (KDH), auch noch die schwarzen Flecken im Leben des Vaters, des Bruders und des Neffen vorhalten.

Da die Partei aber nicht so populär ist wie ihr Chef – nach den letzten Umfragen werden ihr gerade dreißig Prozent vorausgesagt –, könnte sich nach den Wahlen ein Problem ergeben. Soll Mečiar im slowakischen Nationalrat mit den Rechten oder den Linken koalieren? Mit den Nationalisten (SNS) oder den Exkommunisten (SLD) und den Sozialdemokraten um Alexander Dubček (SDSS)? Noch hält Mečiars Persönlichkeit die Partei zusammen. Doch ein sozialdemokratischer Flügel aus bekehrten Kommunisten, die eine Föderation und die Klausschen Reformen nicht grundsätzlich ablehnen, gerät in immer schärferen Widerspruch zum etatistisch und nationalistisch eingestellten Flügel. Am liebsten wäre Mečiar wohl, er könnte jede Koalition umgehen und eine Minderheitsregierung bilden. Dann bliebe das Spiel nach allen Seiten hin offen, eine Spaltung des HZDS ließe sich hinauszögern, und auf Bundesebene wäre vielleicht sogar ein Kompromiß mit Václav Klaus auszuhandeln.