Eine neue These zum Gespräch zwischen Bohr und Heisenberg 1941 und den welthistorischen Folgen

Von Hermann Jensen

Von Helmut Rechenberg

Geschichte, so haben wir in der Schule gelernt, kommt von „geschehen“, den Taten der Menschen in ihrer Zeit, an ihrem Ort und unter ihren Lebensbedingungen. Es gibt immer wieder Versuche, die sorgfältige Erforschung des Geschehenen anhand von Tatsachen und Dokumenten zu ersetzen durch Phantasie. Das im vergangenen Jahr über die deutschen Fernsehschirme flimmernde Stück „Ende der Unschuld“ war ein solcher untauglicher Versuch. Die am 24. April von Hermann Jensen in der ZEIT aufgestellte These (siehe Kasten) kann keinen Deut besser beurteilt werden.

Zur Begründung stützt sich der Autor auf bruchstückhafte Unterlagen: Zitate aus neuen Aussagen Weizsäckers, russische Erzählungen über 1961 von Niels Bohr gemachte Aussagen, andere Aussagen aus der Nachkriegszeit. Hier soll versucht werden, anhand von Quellen aus der Zeit der Ereignisse oder kurz danach ein zutreffendes Bild des tatsächlichen Geschehens zu zeichnen. Aus jahrelanger Arbeit mit den Dokumenten und genauer (auch persönlicher) Kenntnis der handelnden Personen, vor allem Werner Heisenbergs – der sich nicht mehr gegen bodenlose Unterstellungen wehren kann –, gewinnt man nämlich einen anderen Eindruck, kurz: historische „Wahrheit“ statt abenteuerlicher „Dichtung“.

I.

Im September 1941 marschierten deutsche Armeen nach den überraschend schnellen Siegen in West- und Osteuropa auf Moskau. Man mußte – auch wenn man davon überzeugt war, daß Deutschland den Krieg schließlich verlöre – zumindest erwarten, daß der Krieg sich in die Länge ziehen würde. Zwei Gesichtspunkte traten damals nachweisbar in den Vordergrund von Heisenbergs Denken: 1. die neuesten Ergebnisse der Uranforschung; 2. die Sorge um seinen Lehrer Niels Bohr.