BURTENBACH. – Von Anfang an hatte Pfarrer Kluge ein ungutes Gefühl. „Das geht schief“, dachte der Geistliche vor drei Jahren, als er sich zusammen mit seinem katholischen Kollegen aufmachte, ein neugebautes Hotel am Ortsrand ökumenisch zu segnen. Sein Gefühl trog ihn nicht.

Es dauerte nicht lange, bis der Bauherr des Hotels merkte, daß er sich übernommen hatte. Restaurant und Tanzcafé kamen nicht an, die Gäste blieben aus. Das Haus wurde geschlossen und verkauft. Vergangenen Sommer pachtete schließlich ein Augsburger Bordellbesitzer das Anwesen. Fortan war das „Clubhotel St. Tropez“ im Ort Stadtgespräch. Bald kannte jeder die Telephonnummer 418 auswendig und die am anderen Ende gehauchte Ansage auch: „Hallo, hallo ... Freizeit für tolerante Paare. Lust auf fremde Haut, das ist unser Motto.“ Doch aus dem sündigen Treiben wurde nichts, denn das Landratsamt in Günzburg schob den toleranten Paaren einen Riegel vor: „Aus baurechtlichen Gründen“, wie es hieß, könne eine Vergnügungsstätte in dem Wohngebiet nicht genehmigt werden. Nach drei Wochen wurde dem Betreiber des Etablissements die Nutzung untersagt.

Gerade als die Welt in der 2200-Seelen-Gemeinde wieder in Ordnung war, passierte es dann. Ein Gerücht kam auf. Plötzlich war es da, keiner will den ersten Satz gesagt haben, und doch verbreitete es sich wie ein Lauffeuer: Asylbewerber in das schöne Hotel, oh Gott, oh Gott... 9000 Mark Pacht im Monat... Wer hat gesagt, wir hätten was gegen die toleranten Pärchen... Wir haben gar nix gegen sie... Schließlich hört und sieht man von denen ja nix... Aber Asylanten, oje, oje! Die Frau des evangelischen Mesners zog von Tür zu Tür und sammelte 45 Unterschriften, um dem Bürgermeister zu beweisen, daß die Nachbarn überhaupt nichts gegen die Vergnügungsstätte in ihrem Wohngebiet einzuwenden haben. „Mit Asylanten hat das aber gar nichts zu tun gehabt“, versichert sie resolut über den Gartenzaun hinweg und hält ihren Schäferhund fest.

Um es vorweg zu sagen: Es war nie wirklich geplant, Asylbewerber in dem Gebäude unterzubringen. Bürgermeister Rößner weiß zumindest nichts von solchen Plänen. Nach Ansicht von Pfarrer Kluge griff einfach der Pächter des Hotels zu einem „ganz miesen, üblen Trick“: Er habe den Nachbarn damit gedroht, die Hotelzimmer an den Freistaat zu vermieten, um Asylanten darin einzuquartieren.

Mit der Rückendeckung guter Nachbarschaft herrscht nun wieder reger Betrieb hinter den verschlossenen Fensterläden des „St. Tropez“. Das Landratsamt verhängte schon Zwangsgelder bis zu 5000 Mark, doch der Pächter hält sich bedeckt: Gegen die Entscheidung der Behörden legte er gerichtlich Widerspruch ein, die Strafen hat er noch nicht bezahlt. Die Polizei kreuzte bisher nicht auf. An der Tür verheißt ein Schild nur „Clubmitgliedern“ Zutritt zu der „Geschlossenen Gesellschaft“. Die Telephonansagen sind wieder geschaltet, und ein Blick auf den geräumigen Parkplatz genügt, um zu wissen, wann die toleranten Paare im Clubhotel verkehren.

Am Samstagnachmittag wirkt das Wohngebiet aufgeräumt. In den Garageneinfahrten der Einfamilienhäuser werden die Motorhauben poliert. „Die kommen Samstag abends in ihren großen Wagen, und Sonntag früh fahren sie wieder weg“, sagt der 24jährige Gerald L. Was dazwischen geschieht, gehe ihn nichts an, Hauptsache, es sei ruhig. Eine Nachbarin sagt: „Wissen’s solche Wagen machen überhaupt keinen Lärm, die surren nur leise.“ Ob sie denn die Liste unterschrieben habe? „Selbstverständlich.“ Warum? „Na ja, sonst kommen noch die Asylbewerber.“

Asylbewerber? „Ganz schlecht“, sagt der 40jährige Türke Hasim A. Warum? „Weil die nicht arbeiten dürfen, müssen die klauen.“ Er selbst habe Arbeit, er sei Maschinist und außerdem schon seit zwanzig Jahren in Deutschland. Er könne hier keine Asylanten brauchen. „Nein, das wollen wir hier nicht“, sagt auch die Freundin von Gerald L. Ob sie schlechte Erfahrungen gemacht habe? „Nein, weil hier gibt’s ja keine Asylanten.“