Von Thomas Hanke

Noch nie hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) so viel Macht wie heute: Knapp sechzig Länder haben mit dem Fonds, dessen 2200 Beamte in Washingtons 19. Straße residieren, wirtschaftliche Anpassungsprogramme vereinbart. Damit erstreckt sich sein Einfluß auf den größten Teil von Asien, Afrika, Europa und Lateinamerika. Die Financial Times veranlaßte das zu dem Kommentar, in den neunziger Jahren seien die "Strukturanpassungsprogramme Gottes Wort", IWF und Weltbank die "neuen Imperialisten", die es in Osteuropa, Asien, Afrika und Lateinamerika predigen.

Sogar die fünfzehn Staaten, in die das sowjetische Imperium zerfallen ist, bitten um den Beistand des Fonds und seines Schwesterinstituts, der Weltbank. Sechs von ihnen sind bereits Mitglied, der Rest wird folgen. Mit wahrhaft missionarischem Eifer setzt der Fonds in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zu einer Operation an, die sein geschäftsführender Direktor, der Franzose Michel Camdessus, gerne als größte "Herausforderung seit Ende des Zweiten Weltkrieges" bezeichnet. Der Fonds ist bereit, für die GUS so tief in die Tasche zu greifen wie noch nie: Rund zwanzig Milliarden Dollar an Krediten will er in den nächsten vier Jahren vergeben.

Doch an der Operation GUS könnte der Währungsfonds sich verheben: Sie kann ihn in eine Finanzkrise stürzen und immer tiefer in entwicklungspolitische Probleme verstricken, die mit seinem ursprünglichen Auftrag nichts zu tun haben. Wie unsicher das Terrain ist, auf das der IWF sich begibt, zeigte Anfang dieser Woche die Forderung des russischen Vizepremiers Yegor Gaidar nach einem fünfjährigen Moratorium für Zins- und Tilgungszahlungen auf die Auslandsschuld. Die Gläubiger erfuhren aus den Zeitungen von den russischen Wünschen. Moskau hat zwar schwerwiegende Liquiditätsprobleme, setzt seine Verbindlichkeiten aber auch als Druckmittel im Poker um neue Finanzhilfen des Westens ein.

Das Milliardenengagement des IWF könnte deshalb zum finanziellen Himmelfahrtskommando werden. Der Fonds finanziert seine Kredite mit Zentralbankgeld, das ihm die Mitglieder zur Verfügung stellen, die in einer starken Zahlungsbilanzposition sind. Die nationalen Zentralbanken verbuchen die Forderungen als Währungsreserve. Bislang konnten sie sich darauf verlassen, jederzeit wieder über diese Mittel verfügen zu können, weil der IWF nur begrenzte Zahlungsausfälle seiner Gläubiger verschmerzen mußte.

Aufgrund dieses Vertrauens gab es in der Vergangenheit auch keine Widerstände gegen Quotenerhöhungen des IWF – außer in den Vereinigten Staaten. Wegen des wachsenden Mittelbedarfes des Fonds wurde zuletzt im Juni 1990 eine Anhebung der Mitgliedsquoten auf rund 180 Milliarden Dollar beschlossen. Der amerikanische Kongreß hat die Quotenerhöhung aber immer noch nicht gebilligt – und Washington verfügt im IWF über eine Sperrminorität.

Auch andere Länder könnten in Zukunft skeptisch werden und ihr Portemonnaie zuschnüren, falls der IWF die Milliarden nicht wiedersieht, die er der GUS zur Verfügung stellen will. Denn dies würde nicht nur die Entwicklungsländer in Mitleidenschaft ziehen, für die entsprechend weniger Mittel bereitstünden, sondern gerade auch die Länder, die dem Fonds ihr Geld überweisen. Für die Zentralbanken ergäbe sich damit eine ganz neue Lage – der erzsolide IWF würde plötzlich zu einem wackligen Partner, bei dem das eigene Geld nicht mehr sicher aufgehoben ist.