Von Hans Harald Bräutigam

Der altbekannte Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs erhielt im vergangenen Monat wieder eine deutliche Bestätigung. Der renommierte britische Epidemiologe Richard Peto und seine Mitarbeiter bekräftigten in der Zeitschrift Lancet vom 23. Mai, daß Zigaretten tatsächlich weitaus gefährlicher sind, als bislang angenommen wurde. Dies gilt vor allem für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nicht nur für Lungenkrebs. Allein in der Bundesrepublik (alte Länder) sei 1995 mit insgesamt zwei Millionen zusätzlichen Todesfällen zu rechnen, die aufs Rauchen zurückgeführt werden.

Dennoch scheinen nur wenige Menschen bereit, daraus die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen und die Zigaretten endlich beiseite zu legen. Der Erfolg der vielen, oft aggressiven Antiraucherkampagnen läßt sich in den westlichen Industriegesellschaften, insbesondere in den Vereinigten Staaten, vornehmlich daran beobachten, daß in öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln und Hotels nicht mehr geraucht werden darf. Die Anhänger des blauen Dunstes werden zunehmend in eine Art „Cordon sanitaire“ verbannt. Der erhoffte Erfolg des Feldzugs gegen die Zigaretten, nämlich ein ausgeprägter Rückgang von Neuerkrankungen an Lungenkrebs, läßt allerdings noch auf sich warten. Vielmehr nimmt die Zahl der Opfer seither zu. Sie erkranken meist im Alter zwischen 55 und 65 Jahren an den bösartigen Neubildungen, das heißt, die Rechnung für vergangene Sünden – Zigaretten in großer Zahl – wird erst spät präsentiert. Experten schätzen, daß rund zwanzig Jahre vergehen, bevor sich die verheerende Wirkung von Teer und anderen Atemgiften manifestiert. Aber nicht nur der massive Abusus, auch gelegentlicher Zigarettengenuß soll nach den Beobachtungen von Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungszentrum die Wahrscheinlichkeit für das spätere Auftreten eines Lungenkrebses meßbar vergrößern.

Vor allem amerikanische Statistiken belegen die traurige Wahrheit, die wir so lange verdrängt haben. Eine gute Zusammenfassung („Cancer Facts & Figures 1991“) dokumentiert, wie die moderne Geißel Lungenkrebs zuschlägt: In den beiden Zeiträumen von 1955 bis 1957 und 1985 bis 1987 ist die Zahl der Todesfälle, von einem schon hohen Niveau ausgehend, nochmals angestiegen, um 131 Prozent bei den Männern und um über 400 Prozent bei Frauen. Für 1991 errechneten amerikanische Fachleute rund 143 000 an Lungenkrebs Verstorbene. Die Statistik läßt keinen Zweifel daran, daß der Anstieg hauptsächlich auf den Zigarettenkonsum der vergangenen Jahre zurückgeht.

Die American Cancer Society hat aber auch eine gute Botschaft bereit, zumindest für die Männer. Bei ihnen führt die Antirauchbewegung zu ersten Erfolgen. Die Zahl jährlicher Neuerkrankungen an Lungenkrebs zeigt bei den Amerikanern in jüngster Zeit eine schwach sinkende Tendenz, sie wird in der Gesamtstatistik jedoch überspielt von den massiv zunehmenden Neuerkrankungen bei den Frauen.

Nur bei zwanzig Prozent der entdeckten Lungenkrebsfälle ist die Geschwulst noch so begrenzt, daß eine Operation Aussicht auf Erfolg hat. Bei den meisten Patienten treten die typischen Krankheitszeichen wie Husten, Kurzatmigkeit und blutiger Auswurf erst auf, wenn das Schicksal bereits durch Tochtergeschwülste bestimmt ist.

Die hohe Todesrate an Lungenkrebs ist kein Ausdruck operativen Unvermögens oder von Mängeln im therapeutischen Angebot. Vielmehr sind die Maßnahmen zur Frühentdeckung des Lungenkarzinoms weitgehend erfolglos. Hier und da unternommene Vorsorgeuntersuchungen belegen dies. So wurden bei Risikopatienten, Männern über 45 Jahre und mit einem täglichen Konsum von mehr als 40 Zigaretten, alle vier Monate die Lungen geröntgt und Sekret in den Luftwegen untersucht. Nur bei wenigen Rauchern konnten Lungenkrebse festgestellt, nicht einmal der Anteil der noch operablen Karzinome konnte damit wesentlich verbessert werden. Denn die Überlebensaussichten sind weitgehend vom Typ der Krebszellen abhängig, vor allem weil bestimmte Zellen früher streuen als andere. Leider gehören die häufigen kleinzelligen Karzinome zu den Geschwülsten mit der geringsten Heilungsrate nach einer Operation.