Von Rob Kieffer

Mal spitzt er die Lippen, um ein schrilles "Tschilp, Tschilp" von sich zu geben, mal läßt er ein dumpfes "Nang, Nang" ertönen. Philippe Caruette kommuniziert auf diese Art mit seinen gefiederten Schützlingen, den Zugvögeln des in der Somme-Bucht gelegenen Naturparks von Marquenterre in Frankreichs Nordwesten. Inmitten einer als Reservat ausgewiesenen Morast-, Watt- und Dünenlandschaft, eingezwängt zwischen dem Hinterland der Picardie und dem Atlantik, hat sich dieses Refugium wegen seiner Vogelvielfalt den Ruf einer "Camargue des Nordens" erworben. Philippe Caruette ist Oberaufseher dieser gefiederten Welt, in der bisher 320 von 450 europäischen Zugvogelarten gesichtet wurden. "Der bei Ebbe zurückbleibende Schlick ist für die Zugvögel wie ein Luxusrestaurant, in dem sie ungestört nach Meerestieren und Würmern stochern können", erklärt Philippe Caruette die Anziehungskraft dieses Biotops, das die ermatteten Vögel auf ihrem Trip von Afrika nach Skandinavien oder Sibirien zu kurzem Verschnaufen oder zu längeren Brutpausen ansteuern.

Nur von Pfaden, die von hohem Buschwerk gesäumt sind, und von Beobachtungsposten aus, abgeschirmt mit Holzpalisaden, dürfen die Besucher Ferngläser und Teleobjekte auf das Treiben richten. Der Homo sapiens soll den gefiederten Gästen des Marquenterre-Parks, die sich Reserven für den Langstreckenflug anfuttern, sowenig wie möglich in die Quere kommen. Zwischen dem Schilf der Teiche und auf den mit Strandhafer befestigten Dünen wird so hektisch gestartet und gelandet wie auf einem Flughafen zur Hauptverkehrszeit. Zwei Löffler, vermutlich unterwegs vom Senegal nach Finnland, fechten mit ihren kräftigen, abgerundeten Schnäbeln um einen günstigen Nistplatz. Eine Brandente im exzentrisch bunten Balzkleid stakst ihrem Unterschlupf in einem Kaninchenbau entgegen. Die kühne Ente hat den Wohnungsbesitzer erst vor einigen Tagen rausgeschmissen. Mit ihrem Schnabel habe sie das Kaninchen bei den Löffeln gepackt, schildert Philippe Caruette, es "wie einen Kartoffelsack geschüttelt" und aus dem Bau gezerrt. Weniger dreist gebärden sich die acht brütenden Seidenreiher-Pärchen, die der ganze Stolz der Marquenterre-Verwalter sind. Manierlich und unbeweglich sitzen sie im Geäst einer Kiefernwaldung, gleichmäßig postiert wie die Kerzen am Weihnachtsbaum.

Kormoran, Austernfischer oder Alpenstrandläufer müßte man sein, um das Mündungsdelta der Somme überschauen zu können. Von oben würde die aus Sandbänken und fetten Schafweiden gebildete Polderlandschaft einem beige-grünen Puzzle ähneln, über das sich Salz- und Süßwasserrinnsale wie ein Netz aus feinen, silbriggrau schimmernden Verästelungen gelegt haben. Nur wenige Farbkleckse würden aus der Vogelperspektive auf menschliche Präsenz hindeuten: das Rot der Ziegelsteine, mit denen die flämisch angehauchten Häuser gebaut werden, oder das Gelb-weiß der Strandkörbe, die im feinen Sand von Fort-Mahon-Plage, Le Crotoy, Saint-Valery – sur-Somme oder Cayeux-sur-Mer stehen.

Um dieses Panorama auf den sechzig Kilometer langen, nahezu unverbauten und unverbrauchten Küstenstreifen kann man die Vögel beneiden, aber nicht um das, was ihnen passieren kann, sobald sie die Schnabelspitze über die Grenzen des Schonreviers strecken. Denn über dem restlichen Territorium der Baie de la Somme ist die Luft bleihaltig, krachen von Juli bis Februar die Gewehrsalven. Vogelschutz und Vogeljagd dicht beieinander – dies wird in Frankreich keineswegs als Widerspruch angesehen. Selbst bei der kleinsten Teichpfütze, die eine Ente oder eine Gans zum Landen verleiten könnte, lauern die Jäger. Huttes heißen ihre in die Dünen eingelassenen, aus Holzbrettern gezimmerten und mit Grasteppichen getarnten Unterstände, aus denen nur die Schießscharten herauslugen. "So bequem wie Särge", beschreiben die Tierschützer sarkastisch diese archaischen Schießstände. Doch das kümmert die Flintenbesitzer genausowenig wie die Rügen der Brüsseler EG-Bürokraten, die der Vogelhatz in Frankreich schon lange einen Riegel vorschieben wollen.

"Wir Jäger sind die wahren Naturschützer", fegt Gilles Becquet alle Kritiken vom Tisch. "Wir sorgen für ein ökologisches Gleichgewicht unter den Arten. Überdies säubern wir die Landschaft vom Unrat, den Plastiktüten und Bierdosen, die von den Touristen stammen." Der eher besonnene Gilles Becquet macht nicht den Eindruck eines blutrünstigen Weid-Rambos. Seine einmalige Sammlung von über 400 ausgestopften Vögeln bildet den Grundstein des nahe des Fischerdorfes Hourdel gelegenen, pädagogisch ausgerichteten Maison de l’Oiseau, dessen Leiter er ist.

Die Fremdenverkehrsmanager der Somme-Bucht geben sich redlich Mühe, die reiche Vogelwelt als Besuchermagnet zu nutzen. Doch die von nah und fern anreisenden Ornithologen reichen natürlich nicht aus, um die Hotelbetten zu belegen. Da die widerspenstige nordfranzösische Atlantikküste mit ihren launischen Wetterkapriolen auch kein Ort für nahtloses Bräunen ist, sondern eher für gemächliches Wandern, Strandsegeln oder Drachensteigenlassen, versucht man, andere Reize in Szene zu setzen.