Die Welt ist schlecht, die Sitten verkommen, hinter jedem Schlüsselloch lauert ein lüsternes Weib. Allein im kreisgerichtlichen Gefangenenhaus werden noch Idealismus und Menschlichkeit gepflegt. Der Gefängnisbeamte Karl Tutterer versteht sich als „Priester der Gerechtigkeit“. Ihm ist das Leben ein Gottesdienst. Und Gott sieht alles: die pornographischen „Schlüssellochhefte“ unter der Bettdecke ebenso wie die schamlose Nichtsnutzigkeit eines Geschöpfes, das nichts als schön ist. Florian Leibetseders Roman „Schlüsselloch“ (Residenz Verlag, Salzburg 1992; 164 S., 38,– DM) beginnt wie eine Groteske. Da kauft sich einer im Urlaub in Rio eine Frau, und, kaum daheim, entpuppt sich diese als charakterlose „Schlüssellochschönheit“. Tutterer ergreift Mittel zur moralischen Grunderziehung. Unkeuschheit ist vor dem Jüngsten Gericht kein Bagatelldelikt und kriminelle Subjekte gehören in Untersuchungshaft – Juanita wird ins Schlafzimmer gesperrt und büßt „unter fachlicher Aufsicht“. Tutterers Wahn hat Methode: Jede Strafverschärfung ein Akt zur Besserung der sittenlosen „Kaugummiwelt“, jede Züchtigung ein Gottesdienst zur Erlösung der Menschheit. Was dem Autor in seinem ersten Roman gelingt, ist das grauenhafte, brillant entwickelte Innenportrait eines monströsen Pflichtbewußtseins. Sein Tutterer „muß“ Juanita kreuzigen (buchstäblich), um die Seele seiner Mutter aus den Flammen des Fegefeuers zu retten – fürchterlicher, gründlicher als es in diesem Roman des 1960 geborenen Österreichers geschieht, kann man die wahrhaft teuflische Bedeutung des Begriffes „Strafvollzug“ wohl kaum erforschen. Eine böse Geschichte. Ein absolut geschlossenes, neurotisches System, in dem „Schlüsselgewalt“ das alles entscheidende ist. Oder, wie Tutterer sagt: „Der Schlüssel ist das Werkzeug, das die Welt verändert.“ Sabine Küchler