Wie leicht sie zu zerdrücken wäre, die „Paperdoll“ von Kiki Smith, die menschengroß in einer Ecke schwebt. Zeigen nicht die blutbefleckten Schürzen, in Reih und Glied an einer anderen Wand angetreten, daß ein systematisches Massaker bereits stattgefunden hat? Aus dem davorhängenden Rock baumeln die Füße, aber wo ist das Oberteil? „Ich habe an Menschen gedacht, deren körperliche Funktionen verlorengehen, und daran, zwischen Sterbenden zu sein.“

Der Körper schien nahezu perfekt kontrollierbar, mit Vitamindrinks und Bodybuilding, Impfungen und medizinischen Apparaturen – bis zum Zeitalter von Aids. „Für mich ist es der Tod, der zur Zeit das Leben in New York City bestimmt. Und die meisten Künstler, die ich kenne, tappen nach Möglichkeiten, dies auszudrücken“, schreibt Robert Gober und läßt ein haariges Männerbein aus einer Wand wachsen. Die Phalluskerze, wie auf einem Altar aufgepflanzt, und das Photo eines am Baum gekreuzigten Kleides machen den mit schwarzweißen Genitalien tapezierten Raum zu einem Ort blasphemischer Andacht.

Eros und Thanatos werden auch von den anderen Künstlern beschworen. Nayland Blake verwandelt einen Marcel-Breuer-Stuhl – klassisches Beispiel kühler Moderne – in ein sadomasochistisches Gerät. Blut und Samen, die dort fließen könnten, sind gleich gegenüber zu sehen, auf den schönen schwarzrotgoldenen Photographien von Andres Serrano, die an informelle Malerei erinnern und doch so körpernah wie nur möglich sind. Und wenn Nan Goldin zu ihrer photographischen Biographie von Cookie Mueller, die 1989 vierzigjährig starb, schreibt: „Ich dachte immer, wenn ich jemanden nur oft genug photographieren würde, könnte ich ihn nie verlieren“, dann mutet das nur den naiv an, der zynisch den Glauben an die magische Kraft der Kunst durch jenen an den Marktwert ersetzt hat.

Ganz auf öffentliche Aktionen setzt im Gegensatz zu diesen eher intimen Beschwörungsversuchen die amerikanische Gruppe „Gran Fury“. Sie zitiert in ihren Plakaten die Sprache der Werbung. Die modernen Vorstellungen vom Künstler als autonomem Schöpfer, vom Kunstwerk als Innovation und Ware, von Original und Fälschung sind dem Kollektiv völlig gleichgültig: „Wir haben ein politisches Ziel vor Augen. Dabei durchforsten wir natürlich unseren Vorrat an bekannten Bildvorstellungen, das kulturelle Inventar eben, das man mit sich herumschleppt.“ Das rosafarbene Homosexuellen-Dreieck der Nazis haben sie umgedreht zu einem Symbol des Aids-Aktivismus, das mahnt: „Silence = Death“. Und mit Verwunderung bleibt festzustellen, daß es eine Form von „Appropriation“ mit ethischem Anspruch gibt. Ausgerechnet die Postmoderne, die der Beliebigkeit das Wort redete, bringt eine engagierte Kunst hervor, die man längst passé glaubte. Allerdings wollen „Gran Fury“ und die anderen Gruppen der New Yorker Szene nicht länger allgemeine Utopien verkünden. Angerostete Denkmäler wie Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit holen sie vom Sockel und gießen sie in konkrete Forderungen.

Act Up (Aids Coalition to Unleash Power) will die Larmoyanz vertreiben, aktive Hilfe anstelle von Mitleid provozieren. Inmitten der Poster und Dokumentationen steht im Kunstverein eine Peep-Show-Zelle, in der Safer-Sex-Filme (für Jugendliche über achtzehn) zu sehen sind: kein Tabubruch um des – avantgardistischen – Tabubruchs willen, sondern die Aufforderung, nicht resigniert den Rückzug in die Einsam- und Enthaltsamkeit anzutreten. (Gegendarstellung: Kunstverein Hamburg bis zum 21. Juni; Kunstmuseum Luzern 2. Oktober bis 22. November; Begleitheft 20,– DM) Sabine Scheltwort