Von Klaus Naumann

KÖLN. – Verteilungsgerechtigkeit? – Na klar! Aber wieviel Gleichheit verträgt die so ungleiche doppeldeutsche Ökonomie? Angleichung der Lebensverhältnisse? – Was sonst? Aber halten Umwelt und Zukunft das aus? In den Osten exportiert wird schließlich nicht nur unsere hocheffiziente Marktwirtschaft, sondern zugleich auch die ebenso leistungsstarke Vergeudungs- und Verschwendungsordnung. Hinter dem aktuellen Streit um Einheitskosten und Kassensturz steckt, schwieriger noch, die Frage nach den Maßstäben, die künftig gelten sollen.

Noch sträuben sich die Betroffenen im Osten und im Westen der Republik. Es waren ja auch "blühende Landschaften" verheißen und Zusatzlasten bestritten worden. Das wird nun revidiert werden. Aber der Abschied scheint vorerst nur den Zahlen, nicht den Illusionen zu gelten. Neue Finanzquellen zu erschließen, das ist leichter, als neue Ziele und Visionen zu formulieren. Kassensturz? Doch nicht im Ideenhaushalt!’

Andernfalls müßten Tabus geknackt werden. Die ost- wie westdeutschen Erwartungshaltungen stimmen mit der Realität nicht überein. Ein doppeldeutscher Zielkonflikt lähmt die Gemüter – und prämiert die Phantasielosigkeit der Regierenden. Im Osten, Kurt Biedenkopf hat dies jüngst beschrieben, möchte man möglichst schnell so leben wie im Westen – und doch dabei das Gesicht nicht verlieren. Und im Westen? Da möchte man so leben wie bisher – und weiß doch, daß dies künftig nicht mehr möglich, besser gesagt: nicht mehr sinnvoll sein wird.

Ein Fragenkatalog lädt ein zu einer binnendeutschen Generaldebatte über den weiteren Weg zur Einheit: Sollen alle leben wie wir? Ist das überhaupt möglich?

Im Deutschen Gewerkschaftsbund ist Streit um die "Verteilungsgerechtigkeit" entbrannt. Heikle Begriffe stehen zur Debatte: Teilen. Geben & Nehmen. Verzicht und Opfer ... Die Gegenseite kontert, das West-Ost-Gefälle, ganz zu schweigen vom Nord-Süd-Gegensatz, erfordere verteilungspolitische Phantasie – mehr jedenfalls, als die alljährlichen Tarifrunden offenbaren. Die Fronten gehen mitten durch die DGB-Gewerkschaften – auch dies paradigmatisch für die kommenden Zerreißproben der deutschen Einheit: Wer fängt an mit einem neuen Kurs, wer springt zuerst?

Einer Gratwanderung gleichen auch die Vorschläge des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, mit der "Aufholjagd", die der Osten ohnehin nicht bestehen könne, Schluß zu machen, noch ehe diese ihre absehbar verhängnisvollen mentalen Konsequenzen zeitige. An die Stelle der Grundgesetz-bewährten "Gleichheit der Lebensverhältnisse" will er deren "Vergleichbarkeit" setzen. Ein ostdeutscher Sonderweg? Kann der föderale Bundesstaat solche Binnendifferenzierung aushalten?