Von Carl Friedrich von Weizsäcker

Die Redaktion der ZEIT hat Herrn Rechenberg und mir dankenswerterweise eine volle Seite zur Antwort auf den Artikel von Hermann Jensen zur Verfügung gestellt. Es war mein Wunsch, daß Herr Rechenberg als der beste heutige Kenner der Akten den Hauptteil der Antwort schreibe. Als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen habe ich aber noch einiges hinzuzufügen. Leider hat Herr Jensen – vermutlich aufgrund des aus seinem Text ersichtlichen Mißtrauens gegen meine Aufrichtigkeit – versäumt, mich vor der Abfassung des Artikels über die Tatsachen zu befragen. Ich hätte ihm gerne Auskunft gegeben und ihm einige Irrtümer ersparen können. Hier beschränke ich mich zunächst 1. auf den Inhalt des Gesprächs zwischen Bohr und Heisenberg 1941, dann gehe ich 2. kurz auf einige mir unterstellte Äußerungen ein.

la) Das Gespräch, wie ich sein Zustandekommen und seine Folgerungen in Erinnerung habe: Heisenberg und ich sprachen nach der deutschen Besetzung Dänemarks 1940 miteinander, ob wir etwas tun könnten, Bohr zu schützen. Außerdem wußten wir ja, daß Atombomben voraussichtlich im Laufe mehrerer Jahre möglich sein würden, und fragten uns, ob eine Einigung aller dazu fähigen Physiker in der Welt möglich sein könnte, sie wenigstens während des damaligen Krieges nicht zu bauen. Bohr war der einzige, mit dem man darüber zunächst sprechen konnte, und zwar konnte es nur Heisenberg als Bohrs alter Freund.

Als ich im Frühjahr 1941 Gelegenheit zu einem Vortrag in Kopenhagen hatte, verabredete ich mit dem dortigen deutschen Gesandten, einem guten Bekannten meines Vaters, daß er eine astrophysikalische Tagung im Herbst 1941 anregen sollte, die Anlaß geben konnte, Heisenberg offiziell einzuladen. Dies kam zustande, und auf einem Spaziergang zu zweit längs der Langen Linie an der Kopenhagener Hafeneinfahrt, wo man keine Wanzen der Gestapo fürchten mußte, versuchte Heisenberg, Bohr sein Anliegen vorzutragen. Sein Eindruck danach war, Bohr sei so entsetzt über die reale Möglichkeit von Atombomben gewesen, daß Heisenberg keine Gelegenheit fand, ihm sein Anliegen ausdrücklich zu schildern. Dies hörte ich von Heisenberg eine Viertelstunde nach dem Gespräch.

„Bohrs Irrtum“

lb) Erst 1985, bei der Feier zu Bohrs 100. Geburtstag in Kopenhagen, hörte ich aus Kreisen dortiger Freunde Bohrs, daß Bohr gemeint hatte, Heisenberg wolle ihn zur Zusammenarbeit mit den Deutschen an dem Bau einer Bombe veranlassen. Der Gedanke, er könnte Heisenberg so mißverstanden haben, war mir in den 44 Jahren seit jenem Besuch auch nicht im Traum eingefallen. Eugen Feinberg, den ich 1987 in Moskau sah, bestätigte mir aber, daß Bohr bei seinem Besuch in Moskau 1961 ebendies gesagt hatte.

Jensen zitiert den Anfang von Feinbergs Artikel über diese Frage. Bohrs Äußerung, es sei erstaunlich, daß ein so aufrichtiger Mann wie Heisenberg diese seine damalige Ansicht völlig vergessen haben könne, bezog sich nicht nur – wie Jensen meint – darauf, daß Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion gewinnen könne, sondern insbesondere – wie mir Feinberg ausdrücklich sagte – auch auf diese Intention der Zusammenarbeit am Waffenbau. Dies erklärt mir auch nachträglich, warum Bohr, als ich ihn in Princeton, 1950 oder 1952, zum ersten Mal nach dem Krieg wiedersah und ihn auf sein damaliges Gespräch mit Heisenberg ansprach, antwortete: Ach, reden wir nicht darüber! Mir ist doch ganz klar, daß im Krieg jeder die erste Priorität in der Loyalität zu seinem eigenen Land sieht. Leider sprach ich dann nicht weiter und lernte daher Bohrs Irrtum erst Jahrzehnte später kennen.