Mau-Mau ist ein Spiel für 32 Karten. Man bedient die Farben oder die Bilder. Auf eine Pik-Zehn zum Beispiel wird entweder Pik gelegt oder eine andere Zehn. Wer als erster alle Karten abgeworfen hat, gewinnt. Wenn vier gleiche Bilder aufeinanderliegen, ist das Spiel vorzeitig zu Ende: Mau-Mau.

Inge ist die Wirtin im "Mau-Mau", einer Kneipe in St. Pauli. Ihr Serviermädchen Rosa hat einen arabischen Freund, den sie zwischendurch mit Heinz betrügt, Inges Ex-Ehemann. Heinz schmuggelt Hehlerware mit Ferdi, der auch auf Rosa scharf ist, aber selbst bei Doris, der Stripperin des "Mau-Mau", nicht landen kann. Auf einer Tour treffen sie Roxy, Ferdis alten Freund, der es zu etwas gebracht hat. Heinz und Ferdi fahren mit Inge, Doris und Rosa zu Roxys Edelbar, um das "Mau-Mau" zu retten. Aber sie haben kein Glück.

Es gibt ein Lied von Janis Joplin, das alle Geschichten Uwe Schraders auf den Punkt bringt: Freedom is just another word for nothing left to lose. Das Lied ist, wie alles aus den sechziger Jahren, ziemlich abgenudelt. Schraders Figuren sind es auch: die Wirtin, das Mädchen, die Stripperin, der Zuhälter, der kleine Gangster, der Taugenichts. Sie haben nur den gewaltigen Vorteil, daß sie wie Menschen aussehen. In "Kanakerbraut" (1984) sind es Peter Franke und Brigitte Janner, in "Sierra Leone" (1988) Christina Redl und Ann-Gisel Glass, in "Mau-Mau" Marlen Diekhoff, Catrin Striebeck, Myriam Mézières, Peter Gavajda, Andras Fricsay und wieder Peter Franke. Wer Schraders Schauspieler auf deutschen Bühnen gesehen hat, erkennt sie nicht wieder: Alles ist weg, die Schminke, die Pose, der gehobene Theaterton. Die wahren Geschichten, mit denen schon lange kein Abonnent mehr belästigt wird, erzählt Schrader im Kino.

Sie suchen den Ausgang: Inge, Rosa, Doris und Heinz. Doris und Rosa machen eine Spritztour mit einem Holländer, den sie bei Roxy kennengelernt haben. Inge und Heinz fliehen in ein Lied: "You are my destiny" von Paul Anka. Aber auch das geht vorbei. Das "Mau-Mau" wird geschlossen: Abschiedsvorstellung. Am nächsten Morgen wirft Heinz die Tasche mit seinen Kleidern über einen Zaun. Schluß. Aber das ist fast schon zuviel erzählt.

Uwe Schrader denkt, wenn er über "Mau-Mau" spricht, an Altman, Scorsese und Cassavetes, an die Kälte von "Nashville" und "California Split", die Hitze von "Mean Streets" und "Husbands". Aber man kann auch an Rainer Werner Fassbinder denken, der fast genau an dem Tag, an dem "Mau-Mau" bundesweit ins Kino kommt, zehn Jahre tot ist. Seit "In einem Jahr mit 13 Monden" gab es keinen deutschen Film, der mit so viel Zärtlichkeit von Menschen erzählt, die nur die Freiheit haben, unterzugehen.

Vier Jahre hat Schrader für "Mau-Mau" gebraucht. Solange dauert es heute, wenn einer im Kino seinen eigenen Kopf benutzt. Mau, mau. Andreas Kilb