Wenn es in der amerikanischen Literatur derzeit überhaupt so etwas wie einen Trend gibt, dann ist es der zur Literatur der ethnischen Minderheiten. Neben hierzulande schon bekannten Autoren und Autorinnen wie Oscar Hijuelos, Amy Tan oder Jamaica Kincaid hat auch die junge Hispanoamerikanerin Sandra Cisneros mit ihrem ersten Erzählungsband im letzten Jahr für einige Furore sorgen können.

Unter dem Titel „Kleine Wunder“ liegen die Erzählungen jetzt in deutscher Übersetzung vor (aus dem Amerikanischen von Helga Pfetsch und Silvia Morawetz; Goldmann Verlag, München 1992; 225 S., 28,– DM). Frauen und Mädchen aus dem ärmlichen Milieu der mexikanischen Einwanderer im Süden von Texas stehen im Mittelpunkt. Von ihren Ehemännern, Brüdern, Vätern ausgenützt, mißhandelt oder verlassen, von ihren Müttern zur Duldsamkeit erzogen und der materiellen Not eingeengt, verläuft ihr Leben in denkbar tristen Bahnen. Die einzige Abwechslung versprechen die tagtäglichen Fluchten in die Welt der telenovelas und Werbespots.

Solch akkumuliertes Elend böte überreichlich Stoff für lautstarke Empörung, für die große Abrechnung mit den Männern, den repressiven Traditionen und sozialen Nöten, allein – in Sandra Cisneros’ Erzählungen wird man derartiges vergeblich suchen. Ihre Geschichten haben allenfalls einen melancholischen Unterton, vielfach aber sind sie eher komisch und grotesk als unmittelbar kritisch. Als ob die Sympathie, die sie hegt, nicht für die Verhältnisse, sondern für die Menschen, die darin verstrickt sind, solches nicht zuließe. Das verharmlost nichts, aber es ermöglicht eine selten erreichte Subtilität und Präzision der Beobachtung. Subversiver als aufklärerisches Pathos ist es allemal.

Marcel Hartges