Als Jacques Delors 1985, damals Finanzminister in Paris, zum Präsidenten der EG-Kommission ernannt wurde, des Konzeptions- und Exekutivorgans der Gemeinschaft, stand es nicht gut um die Integration. Die Westeuropäer schienen von den eigenen großen Worten so erschöpft, daß die Kraft zu großen Taten nicht mehr reichte.

Aber dann gelang es Delors, die schlaffen Segel des EG-Schiffes mit frischem Wind zu fallen. Aus der trägen Brüsseler Kommission machte er ein wirksames Instrument. Und er setzte darauf, bis Ende 1992 den Binnenmarkt ohne Grenzen zu schaffen. Heute ist er fast Wirklichkeit.

Der Erfolg jedoch schuf neue Herausforderungen. Ursprünglich hatte Delors die reichen Efta-Länder – Österreich, Schweden, die Schweiz, Finnland und Norwegen – mit der Zugehörigkeit zu einem „Europäischen Wirtschaftsraum“ (EWR) abspeisen wollen, damit sie nicht durch vorschnelle Anträge auf Mitgliedschaft den weiteren Ausbau der EG stören könnten. Heute bestätigt er der ZEIT: Die Efta-Staaten werden in wenigen Jahren Vollmitglieder sein. Delors besteht nicht einmal mehr auf der vorherigen Stärkung der EG-Institutionen, auch auf die Gefahr hin, daß die Neuankömmlinge nicht nur den Entscheidungsprozeß erschweren, sondern sich auch seiner Straffung widersetzen könnten: „Mit den gegenwärtigen Institutionen kommen wir zurecht, auch wenn drei oder vier neue Mitglieder dazukommen.“

Auch der zweiten, noch weit problematischeren Beitrittswelle widersetzt sich Delors nicht mehr: der Aufnahme der mittel- und osteuropäischen Staaten zu einem nicht allzu fernen Datum. Auch hier hatte er zunächst auf Zeit gespielt und versucht, durch Assoziationsverträge mit Polen, Ungarn und der ČSFR dem Drängen Warschaus, Budapests und Prags die Spitze zu nehmen. Heute erkennt er: „Wir müssen unser ursprüngliches Vorhaben ausbauen und dem Rest Europas die Mitwirkung daran anbieten ... Wir sind verantwortlich für die Architektur des großen Europa.“

Darauf, wo dieses Europa aufhört, will Delors sich nicht mehr festlegen. Nur Rußland, meint er, dürfe nicht in die Gemeinschaft – angeblich aus Rücksicht auf die Vereinigten Staaten.

Die Deutschen, deren wachsende Euro-Zweifel Delors seit langem mit Sorgen verfolgt, fordert er zu mehr Nüchternheit auf, nicht zuletzt im Streit um die neue Europa-Währung, die Ende des Jahrzehnts die nationalen Währungen, also auch die Mark, ablösen soll.

Die deutsche Wirtschafts- und Währungspolitik habe doch Modell gestanden für die künftige europäische Wirtschafts- und Währungsunion, wirbt er, die Deutschen könnten doch stolz darauf sein. Und er beruhigt die Zweifler: Wenn das europäische Geld nicht so solide sein werde wie die D-Mark, dann eben „wird es keine europäische Währung geben“. –cb–