Herr Professor Immanuel Raat, genannt Unrat, ist ein deutscher Bürger, wie er im Buche steht. Frühaufsteher, Ordnungsfanatiker, kleiner Diktator. Ein Mann ohne Träume, seinen Schülern ein Alptraum. Unrat ist der deutsche Untertan als Obertan.

Doch in diesem leider nur allzu bekannten Wesen verbirgt sich (wie der Prinz im Frosche) eine zweite, unbekannte, vollends unheimliche Kreatur. Im Spießbürger haust der Anarchist. Im Schulmeister der Romantiker. Im Pedanten das Liebesungeheuer, der tollwütige Satyr. Wie jeder Gefangene wartet dieser zweite, innere Unrat auf die Stunde seiner Entfesselung. Und zum Befreier taugt nur einer, egal, ob wir im Märchen sind oder in der noch unglaublicheren Wirklichkeit.

Das Weib.

Das Weib heißt Rosa und Fröhlich. Künstlername Lola. Beruf Sängerin, Tänzerin, Kleinstadtkurtisane. Sie befreit den alten Unrat aus den stickigen Verliesen seines Bürgertums. Sie entrümpelt sein Herz und lüftet seine Seele. Der Preis, den sie (oder das Schicksal) dafür kassiert, ist recht und billig: Professor Unrat, toll geworden (und endlich ein Mensch), bezahlt mit dem Verlust des Amtes, der sogenannten Ehre, des Verstandes, zuletzt wohl auch des Lebens. Unrat bekommt genau das Glück, das er verdient – das kurze Glück als Strafe für ein langes, böses Leben.

Heinrich Manns großer Roman (1905) erzählte Professor Unrats Ausbruch, Höhenrausch und Absturz als historisches Lehrstück – Wahn und Ende des wilhelminischen Mannes und Zeitalters. Josef von Sternberg machte daraus (1930) einen dubios-genialen Film, mit Emil Jannings und Marlene Dietrich – aufeinander trafen der Ordnungsbürger als waidwundes Liebesmonster und die "sündige Frau" als höchst bürgerlicher Engel. In Jannings finsterem Schädel lief die Leidenschaft Amok, in Marlene Dietrichs hellem Kopf regierten milde: Liebe, Mitleid und Vernunft.

Und jetzt? Und jetzt gar nichts. Im Berliner Theater des Westens hatte am Himmelfahrtstag eine neue Version von Unrats alter Geschichte Uraufführung: "Der Blaue Engel", eine Revue von Peter Zadek, Jérôme Savary und vielen, vielen anderen (oder von niemand?). Ein theatralisches Weltereignis, nach drei Stunden als Weltreinfall ungnädig verabschiedet. Kein heroischer Untergang, sondern bloß ein kläglicher. Keine Träume stürzten ein, darüber könnte man wenigstens schön weinen. Nein, Geld wurde hinausgeworfen, fässerweise, für eine Protzerei ohne Gedanken, ohne Idee, ohne Funken – das Gefühl danach ist keine festliche Trauer, sondern bloß ein mausgrauer Kater.

Nicht Professor Unrats Ausbruch und Untergang zeigt das Berliner Spektakel – sondern seine lärmende Heimkehr ins Spießertum. In den knallbunten Trubel, ins schale Tralala, in den transpirierenden Frohsinn einer Allerwelts-Revue, deren Engel ihr Handwerk eher im deutschen Unterhaltungsfernsehen oder im Mainzer Karneval gelernt haben als bei Heinrich Mann. Oder bei Zadek und Jérôme Savary, die doch beide bewährte Veteranen des Bürgerschreck-Theaters sind – und die nun, als wollten sie Unrats Geschichte umkehren, aus dem Anarchismus laut, aber kleinlaut heimkehren ins ordentlichdumpfe Amüsement.