Von Gero von Randow

Wissenschaftliche Texte sind immer schwerer zu verstehen. Donald P. Hayes, Soziologe an der Cornell University in Ithaca (US-Bundesstaat New York), bemüht sich, diese Entwicklung in Zahlen auszudrücken. Sein Computerprogramm errechnet eine Rangliste der meistbenutzten Wörter eines Textes. Dann vergleicht es sie mit der Häufigkeitsverteilung, die aus dreißig zur selben Zeit erschienenen Tageszeitungen ermittelt wurde. Je mehr exotische Wörter ein Text enthält, desto höher bewertet das Programm den "lexikalischen" Schwierigkeitsgrad; ist die Wortwahl ärmer als die der zeitgenössischen Tagespresse, werden Werte unter null vergeben.

Die Ergebnisse veröffentlichte Hayes in einem Artikel (Schwierigkeitsgrad: 2,6) in der britischen Wissenschaftszeitschrift Nature (Bd. 356, S. 739). Er hatte seinen Computer auf mehrere Jahrgänge von Nature, auf ihr amerikanisches Pendant Science, den Scientific American und zehn Fachjournale losgelassen, außerdem auf populärwissenschaftliche Blätter (in den USA treffend, weil verkürzt, pop-sci mags genannt). Den grausligen Rekord von 55,5 Punkten hält ein biologischer Aufsatz, den der Sprachsoziologe in einer Nature-Ausgabe von 1960 entdeckte. Berüchtigt ist auch die Unzugänglichkeit der Texte in Cell, einem biologischen Fachjournal, dessen Jahrgang 1990 auf 38 Punkte kam. Sprachwissenschaftliche Fachorgane überging Hayes, vielleicht aus Zartgefühl – Linguisten können ausgesucht kryptisch formulieren, nicht zuletzt die Vertreter der sogenannten Verständlichkeitsforschung. Zum Vergleich: Das pop-sci mag Discover rangierte bei minus 4,7 Punkten, Comics kamen auf minus 26,8 Punkte und das Gespräch eines Bauern mit seiner Milchkuh auf minus 59,1. Das Muh wurde nicht bewertet.

Wirklich furchterregend ist die Tendenz, die dabei zum Vorschein kam. Bis in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts dümpelten die Wissenschaftsblätter auf dem Sprachniveau der Tageszeitungen jener Jahre, doch dann explodierte das Vokabular, und die Texte wurden immer schwieriger – wenn wir nicht unterstellen, daß der zum Vergleich herangezogene Wortschatz der Tagespresse dramatisch zusammenschnurrte.

Ach, wie war es doch vordem mit dem Lesen so bequem! Frisch und anschaulich liest sich das Protokoll, in dem Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) beschrieb, wie sich Küken aus Vogeleiern entwickeln. Doch man muß gar nicht so weit zurückblicken. In der ersten Ausgabe vom 3. Juli 1880 empfahl sich Science als Wochenjournal, herausgegeben zum Zwecke der Kommunikation der Wissenschaftler untereinander, aber zugleich seinen "Platz in jedem Haushalt" suchend. Auf der Titelseite warben Kleinanzeigen für Mikroskope, Photolabore und Schreibstifte, im Innenteil klärten Kurzmeldungen und allgemeinverständliche Artikel die Leserschaft über Neuestes aus der Wissenschaft auf, zum Beispiel über den Nutzen der Elektrizität.

Die Naturwissenschaften haben sich seither in vielerlei Spezialgebiete mit eigenen Fachsprachen differenziert. Deren Begriffe fassen Zusammenhänge aus Gründen der Rationalisierung in einem Wort zusammen. Aber zuweilen spielt auch eine Entfremdung der Wissenschaft vom allgemeinen Publikum hinein: Jargon als Instrument der Abgrenzung, ganz so wie feine Leute einst Französisch sprachen, um nicht zum Pöbel gezählt zu werden. Das war damals und ist wohl auch heute der Ausdruck eines Problems im Umgang gesellschaftlichen Gruppen miteinander. Die Fachsprache, auch dort, wo sie unvermeidlich ist, zementiert jedenfalls den Eindruck, Wissenschaft sei für den Laien unerreichbar. Vor zwanzig Jahren wurden die Forscher darob angehimmelt, heute werden sie gemeinhin des Komplotts gegen den Normalmenschen verdächtigt.

Vielleicht kommt Abhilfe von anderer Seite. Quer durch die Disziplinen wird Zusammenarbeit gesucht, und Experten verschiedener Gebiete bemühen sich, einander etwas zu erklären. In der Fachpresse, die nicht zuletzt dem karrierefördernden Publizieren dient, geht dies zwar weniger vonstatten, wohl aber auf Konferenzen. Dort, wo der Mathematiker, der Biologe und der Soziologe aufeinandertreffen, wird eine zugänglichere Sprache gefunden.

Die jährlichen Zusammenkünfte der amerikanischen Wissenschaftlervereinigung AAAS (American Association for the Advancement of Science) sind das Paradebeispiel. Dort erscheinen Forscher, um sich über Fachgrenzen hinweg zu verständigen. Deshalb sind viele ihrer Vorträge auch für interessierte Laien nachvollziehbar – und ein Glückserlebnis für Wissenschaftsjournalisten, die den dritten Weg zwischen Fachchinesisch und pop-sci suchen. Sie reisen aus aller Welt an, um das Wunder der kommunikablen Wissenschaft mitzuerleben; ihre Leser haben später daran teil. In Europa gibt es nichts Vergleichbares, doch langsam wird es Zeit dafür. Wissenschaft muß erklärt werden, damit sie auch außerhalb der Fachzirkel kritisierbar bleibt.