Von Viola Roggenkamp

Was ist das beste Mittel, eine große Familie zusammenzuhalten? Das interessiert Sie nicht? Es gibt heut’ nurmehr Kleinfamilien oder Alleinerziehende? Ja, Herrschaftszeiten, da kennen Sie nicht die Familie Well aus Günzelhofen. Sieben Töchter, acht Buben, die Mutter an der Zither, der Vater mit der Stimmgabel. Doch nun aufgemerkt! Alle sehen auf den Papa: Aaaaa. „Am Brünnele sitzt’s Herzele.“ Klar. Das Lied kennen Sie wieder nicht. Macht nichts. Wichtig sind die Melodie, der Rhythmus. Alle im selben Takt. Da tanzt eben keiner aus der Reihe. „Unsere Familie“, sagt Monika Well, mit 31 Jahren noch immer die Jüngste, „hat immer scho Volksmusik gemacht, a reine, a guade. Es hat a jeden von uns mal wahnsinnig gnervt. Aber den Eltern zr Liab hat a jeder waita gsunge.“ Typisch bayerisch? I wo. Das war im afrikanischen Zaire, daheim bei Marie Daulne bestimmt nicht anders. Es klang bloß anders. Und in St. Petersburg ist es schon wieder so: Man sitzt beieinander im Salon, singt russische Romanzen von der schwermütigen Königin Olga, bleibt zu Haus’ und vergißt den grauen Alltag draußen.

Zugegeben, es ist nicht ganz einfach zu erkennen, wovon hier die Rede ist. Aber bei der Eröffnung des vierten Frauenfestivals ging auch alles drunter und drüber. Macht doch nichts. 250 Künstlerinnen und Künstler aus 15 europäischen und 12 außereuropäischen Ländern sind bis zum 14. Juni in Hamburg. Drei Gesangsgruppen versuchen wir hier herauszugreifen. Und das ist wahrhaftig nicht einfach bei diesem Programm.

Die Moni, die Burgi und die Vroni singen seit 1986 im Terzett und haben aus der reinen, guaden Volksmusik eine hinreißend komische und hochprofessionelle Kleinkunst für drei Frauenstimmen gemacht. Dazu spielen sie die Harfe und das Tenorhorn, die E-Gitarre und das Hackbrettl, die Knopfharmonika und das Saxophon und alle drei auch das Trumscheit, die sogenannte Nonnengeige, ein langer Stiel mit bloß einer Saite dran. „Wellküren“ nennen sie sich. Well wegen Well und -küren, „weil’s in Günzelhofen mal a Mordsgschiß um den Wagner geben hat“. Na, das kam ihnen gerade recht. Nur zur Weihnachtszeit wird jede Tournee gestrichen, dann kommen auch die Biermösl-Blosn-Brüder nach Hause, denn dann führt die Well-Familie ein Krippenspiel auf.

Wir ahnen es schon: Was den bayerischen Wellküren die Volksmusik, ist der Gruppe Zap Mama aus Zaire/Belgien der Rap, der Gospel, Funk, Jazz, Blues, Soul, ach was, ganz einfach die Musik im Universum des Bauches. Es ist nun einfach nicht zu beschreiben, was dieses Vokalquintett, gegründet im Oktober 1989 von Marie Daulne, möglich macht. Vier schwarze und eine weiße Sängerin heben lässig die Welt aus den Angeln, die Welt der Töne, der Rhythmen, der musikalischen Gesetze. Sie beginnen im Madrigalstil, streng im Gesang, bigott im körperlichen Ausdruck. Am Ende schwappt der Urwald drüber, und das Publikum im christlichen Abendland atmet befreit auf. Vorwiegend sind es Kompositionen der Quintett-Gründerin Marie Daulne. Sie improvisiert auf Tonband. Dann gehen die anderen vier Frauen, jede unter ihrem Kopfhörer, mit der Kassette nach Hause und erfinden ihren Part dazu. Am Ende fügt Marie Daulne jede Frau auf ihre eigene Art ins Quintett ein. Sie sind seit einigen Monaten auf Europa-Tournee, und wenn Zap Mama bei Ihnen vorbeikommt, dann aber hin! Auch, wenn Sie an dem Abend mit der Frauengruppe Psychodrama haben sollten. Es gibt nichts besseres.

Aber wie kommen wir nun in den russischen Salon nach St. Petersburg? Das ist doch so einfach: Stellen Sie sich eine junge, schlanke melancholische Frau vor in weißem, langem Kleid und so schwarzem Haar wie der Flügel, an dem sie sitzt. Davor ein gemütlicher dicker Mann am Cello und ein dünner, nerviger mit Schnauz und Geige. Jetzt aber stellen sich noch dazu drei Damen in rauschenden Gewändern, mit seelenvollen Blicken und exzellent klassisch ausgebildeten großen Stimmen: Sopran, Mezzo, Alt. „Schwarze Augen, rote Lippen“.

Hören Sie es? Auf russisch, natürlich. Der Saal summt mit. Ach, du schöne dekadente Zeit, wie lang warst du verboten. 240 Künstlerinnen und Künstler gehören zum St. Petersburger Romanzentheater. Alles Solistinnen und Solisten. Hören Sie nur, wie schön der Schmerz jetzt im Csárdás schwelgt. Und alles auf dem Kampnagel-Gelände in Hamburg.