Es war dunkel. Es war still. Es war kalt. Vor 12 000 Jahren ward Licht im Bauch der Erde, Fettlampen befunzelten die Wände der Höhlen, Hände, viele davon verstümmelt, ertasteten den Untergrund, und dann vollzog sich in Minutenschnelle – wir müssen staunen – die Geburt der Kunst: Human being was painting. So elementar der Akt wie noch Jahrtausende später, als Nägeli die Höhlen der Großstadt durchstreifte oder Keith Haring seine Linien über einen BMW Z 1 zog.

So dunkel sein Gegenstand, so erhellend erscheint, was Louis-René Nougier, Professor für Frühgeschichte, erzählt. Im Tonfall der präzisen Plauderei setzt er ein Mosaik der Menschheitsgeschichte zusammen. Immer ist er um die Sorgfalt der Beobachtung bemüht, immer auf der Hut, die einfache Erklärung nicht durch die verlockende Spekulation zu entwerten, ein Plädoyer für die „Demut der ‚Detektive‘ der Geschichte“.

Aus Bildbänden kennen wir die Meisterwerke der Höhlenkunst, Nougier zeigt uns auch die prähistorischen Stümper, die unproportionierte Dickwänste auf den Fels gekritzelt haben. Trost für Zeitgenossen, aber eben auch Korrektur falscher Sicht. Eindrucksvoll, wie der Forscher in der Höhle von Rouffignac den richtigen Standort erklettert und sich erst dann der Sinn der Malerei erschließt: Die Tiere stieben aus der Höhle ans Licht, vorbei am Großen Wesen, einem rätselhaften menschlichen Antlitz – einem Gott? Viele kurze Abschnitte machen, anhand prägnanter Beispiele, immer wieder neue Lust auf unsere Vorfahren. Ernährung (wann wird geschlachtet, wie konserviert?), Bekleidung (Erfindung der Nadel!), Sexualität (vom a tergo zum Aug’ in Aug’), Bestattung (Blumen auf ihren Gräbern), das sind nur einige der prähistorischen Lebensformen, die aus eindrucksvollen Funden rekonstruiert werden. Nougier gelingt das so leichtfüßig und nachvollziehbar, daß der Leser (sagen wir, er ist sechzehn oder viel älter) hin und wieder auch widersprechen mag und mit der eigenen Deutung dem Professor ins Wort fällt.

Aber Fragen sind erwünscht, zum Beispiel: Wie hat das eigentlich mit dem „Fortschritt“ begonnen? – Ebenso langsam wie kunstfertig. Der Faustkeil, der sogenannte Zweiseiter, ein meist aus Feuerstein gefertigtes Schneidewerkzeug, dient über Hunderttausende von Jahren als „Werkzeugkiste“ des Menschen. Vor einer Million Jahren schlug der prähistorische Mensch aus einem Kilo Werkstoff nur zehn Zentimeter Schnittfläche.

Das „Handwerk“ übt sich langsam: vierzig Zentimeter, sechs Meter, zwanzig Meter. Im 11. Jahrtausend setzt man einen Mikrolithen auf einen Schaft aus Holz oder Knochen und bringt es damit auf eine Ausbeute von vierzig Meter Schnittfläche, eine „technische Explosion“. Und zugleich die Schöpfung einer technischen Urform: Nougier stellt vier kleine Rädchen an den eleganten, mandelförmigen Zweiseiter und erhält den „vollkommenen Prototyp eines Formel-Eins-Wagens“. Welch ein Fortschritt! Und wie lange das gedauert hat.

Was man auch anders sehen kann: Nougier hat die Erdgeschichte auf ein Jahr übertragen. Da streift der Mensch dann an Silvester über den Globus und ist kaum mehr als eine Knalltüte.

Reinhard Osteroth