Von Katharina Zimmer

Tatort Schule. Neun Uhr morgens. Die Schüler der Abschlußklasse des kleinen Privatgymnasiums Sacré Cœur in Amiens gehen in ihre Klasse zurück. Einer fehlt. Alexis Lucet. Er ist in der Pause nach Hause gegangen. Einer seiner Mitschüler erblickt ihn durchs Klassenfenster. Alexis trägt jetzt einen Gitarrenkasten. Als er nach einem merkwürdig ausgedehnten Verweilen vor der Tür diese plötzlich aufstößt, steht er mit einem Jagdgewehr vor seinen Klassenkameraden. „Weg da, Nicolas!“ befiehlt er einem. Dann feuert er zwei Schüsse auf Laurent Pouchain ab, einen Mitschüler. Der schreit noch: „Hör auf!“, wälzt sich, in der Brust getroffen, in seinem Blut und stirbt kurz danach. Panisch flüchten die anderen.

Am Abend des Tattages, des 21. Mai, teilt das französische Fernsehen einige dieser Fakten auf allen Kanälen mit, ergänzt durch den Hinweis, Alexis sei offensichtlich der souffre-douleur, die Zielscheibe des Spotts und ständiger Hänseleien seiner Klassenkameraden, gewesen. Er habe keine Freunde gehabt. Es folgen Interviews mit dem Innenminister, dem Bürgermeister der Stadt und dem Schulleiter zu Fragen der Sicherheit in den Schulen. Ob man in Zukunft gewährleisten könne, daß keine Waffen in Schulgebäude eingeschleust würden? Schnelle Fragen, schnelle Schlußfolgerungen. Leider nicht die richtigen.

Victor Courtecuisse, Leiter einer Abteilung für Jugendmedizin im Pariser Krankenhaus Kremlin-Bicêtre und Autor eines soeben erschienenen Buches über die psychischen Probleme Jugendlicher, sieht in dieser „Hilflosigkeit angesichts einer unerklärlichen Tat“ ein Symptom für die Art des Umgangs der Erwachsenen mit Jugendlichen überhaupt: „Es gibt einen Wunsch, ein désir, nicht zu wissen. Die Kommunikation scheitert an diesem ‚Nicht-wissen-Wollen‘.“

An Verweigerung der Kommunikation hatte Alexis gelitten und darüber „den Verstand verloren“. Der Zwanzigjährige, Sohn eines Polizisten und einer Köchin, die in der Schulkantine arbeitet, ist um zwei bis drei Jahre älter als der Durchschnitt seiner Klassenkameraden, reifer jedoch nicht. Er fiel auf unter anderem durch sein schwergewichtiges Äußeres und seinen Bart. Alexis hatte weder Freunde noch eine petite amie wie die anderen. Er war introvertiert, in sich zurückgezogen. Seit einer Hirnoperation hatte er epileptische Anfälle und war in seinen – vorher eher brillanten – Leistungen stark zurückgefallen. Seine einzige Befriedigung vor den anderen bezog er aus seinen überraschend detailgenauen Kenntnissen über Schußwaffen.

Signale, die keiner verstand

Am Mittwoch, dem 20. Mai, hatte Laurent, das spätere Opfer, in der Psychologiestunde auf eine Zeichnung gezeigt, die einen dicken Kerl darstellt, mit dem Kommentar: „Da fehlt nur noch der Bart, dann ist es Alexis.“ Von ähnlichen Bemerkungen hatte sich Alexis Lucet täglich gedemütigt gefühlt. Am Nachmittag vor der Tat hatte er seinen Peinigern angekündigt: „Morgen werdet ihr schon sehen!“