Der Mensch darf mehr, als er will. Er darf nach Leipzigweimarundschwerin, er darf ins Oderbruch und nach Bitterfeld, nach Radebeul und in die Uckermark. Endlich! Aber er will nicht. Zum Beispiel nach Weimar. Warum will der kerngesunde Münchner, der hellwache (West-)Berliner, der gepflegte Hamburger nicht nach Weimar? Liszt war schon dort, Wildenbruch, Nietzsche, die Herzogin Anna Amalie und der Geheimrat Goethe auch. Weimar ist die deutsche Kulturstadt schlechthin. Weimar ist Goethe. Oder? Warum will das Goethe-Institut dann aber nicht nach Weimar? Warum bleibt es lieber in München, statt in die Goethe-Stadt zu ziehen, in die es endlich ziehen darf? Es will nicht. Das Goethe-Institut verbindet nach Auskunft des Herrn Harnischfeger vom Münchner Goethe-Institut mit Goethe nur der Name Goethe und sonst gar nichts. Deshalb. Außerdem, sagt die Goethe-Instituts-Pressestelle, fehle in Weimar das kulturelle Umfeld, das ein Goethe-Instituts-Angestellter so dringend benötigt: Flugplatz, schöner neuer Zentralverwaltungs-Neubau, Wohnung und so weiter. Der Mensch will, was ihm gefällt. Und Weimar gefällt dem Münchner nicht. Wir Hamburger verstehen das.

Aber Leipzig? Was hat der Münchner gegen Leipzig? Flugplatz, Auerbachskeller, Nikolaikirche – alles spricht für Leipzig. Trotzdem wird die neue Akademie des Deutschen Buchhandels nicht in Leipzig gegründet, sondern ... in München. Warum? Wegen des kulturellen Umfelds, sagt Eugen Emmerling vom Börsenverein. In der Akademie sollen sich die Manager und Führungskräfte aus dem Verlags- und Buchhandelsgeschäft freiwillig und kostenträchtig fortbilden. Wie könnten sie das in Leipzig? Im Doppelzimmer für 400 Mark verschwindet die gesamtdeutsche Begeisterung zwischen den Blümchengardinen. Welche Münchner Führungskraft will schon ohne Not des Nachts mit der Taschenlampe durch die Leipziger Kulturfinsternis tappen? Die Antwort liegt auf der Hand. Das kann keine Führungskraft wollen. Deshalb sind die Träger der Akademie, der Börsenvereins-Vorstand und die Stiftung Bertelsmann, nach hartem, aber fairem Entscheidungskampf auf die naheliegende Idee gekommen, das Angebot der Münchner Bertelsmann-Gruppe anzunehmen und die Akademie in der von Bertelsmann restaurierten Münchner Salvatorschule anzusiedeln. Eine weise Entscheidung. Alles spricht für München. Die sogenannte Branchenakzeptanz, die Lufthansa, die kurzen Fußwege für die Münchner Referenten und Studenten. Leipzig fehlen nicht nur die bertelsmannrestaurierten Räumlichkeiten, Leipzig fehlt, wie Börsenvereins-Pressesprecher Eugen Emmerling versichert, vor allem "das Stückchen Lebensqualität", ohne das bei uns nichts mehr läuft. Schon gar keine Fortbildung. Wir verstehen auch das.

Jeder, der schon einmal in Leipzig war, versteht das. Jeder, der schon einmal in Leipzig war, fährt, wenn er darf, was er will, lieber nach München. Warum soll man es schlechter haben, wenn man es besser haben kann. Warum machen, was man soll, wenn man auch machen kann, was man will? Die Antwort liegt auf der Hand. Wegen Deutschland! Wegen Leipzig! Denn wie soll sich an den Leipziger Finsternissen etwas ändern, solange jede neue Gründung der Stiftung Bertelsmann in die Hauptstadt der Bertelsmann-Gruppe in ein bertelsmanngesponsertes öffentliches Haus und ergo nie nach Leipzig zieht? Wie sollen dann im Osten je die Lichter angehen?

Der Osten muß leuchten. Die Akademien sollen blühen, die Flugzeuge hin- und herfliegen, die Intercitys durch die Städte rauschen, die Kultur aus dem Boden schießen, daß selbst den Münchner Managern das Herz erwacht! So soll es sein. Und solange es so nicht ist und jeder nur tut, was er will, und nicht, was er soll, so lange investiert Bertelsmann, wo es ihm gefällt. Armes Leipzig.

Iris Radisch