Von Giovanni Falcone

Ich warne Sie, Herr Richter. Nach diesem Verhör werden Sie eine Berühmtheit sein. Aber bedenken Sie: Die Rechnung, die Ihnen die Cosa Nostra präsentiert, wird nie beglichen werden, es sei denn durch Ihren Tod. Wollen Sie mich noch immer verhören?“ So hat meine Zusammenarbeit mit Tommaso Bruscetta begonnen, dem Kronzeugen im großen Mafia-Prozeß 1984.

Seine Aussagen – die Krönung von vier Jahren Ermittlungen, in denen ich mehr gelernt habe als in den zwanzig Jahren zuvor – haben mich nicht nur mit der Sprache der Mafia bekannt gemacht und mir einen Schlüssel zu ihrer Deutung in die Hand gegeben. Bruscetta hat mich auch vor ein entscheidendes Problem gestellt. Durch ihn habe ich verstanden, daß der Staat einem Phänomen solcher Dimension noch nicht gewachsen ist. Er hat mir ganz offen erklärt: „Ich vertraue Ihnen, Richter Falcone. Aber sonst traue ich keinem. Ich glaube nicht, daß der italienische Staat die Mafia wirklich bekämpfen will.“

Schon als Kind atmete ich tagtäglich eine Luft, die verdorben war von Mafia, Gewalt, Erpressungen und Morden. Ich glaubte an den gesellschaftlichen Fortschritt, sah aber, wie die großen Mafia-Prozesse regelmäßig endeten: mit der Einstellung des Verfahrens. Mir kam die Cosa Nostra wie eine siebenköpfige Hydra vor, die allgegenwärtig, unbesiegbar und für alle Mißstände auf Erden verantwortlich war. In der Atmosphäre jener Zeit spürte ich auch eine Haltung der „Institutionen“ zur Mafia, die ihre Existenz leugneten und jedes Gespräch darüber ablehnten. Dem gesellschaftlichen Übel Siziliens einen Namen geben – das hieß: „Angriffen des Nordens“ nachzugeben! Einerseits hieß es: „Alles ist Mafia“, andererseits tönte es: „Es gibt keine Mafia.“ Und all das vor einem Hintergrund von Attentaten und Morden.

Als ich in Trapani als Staatsanwalt meine ersten Erfahrungen mit der Mafia sammelte, mußte mir nicht lange erklärt werden, daß sie eine kriminelle Organisation war. Vor Gericht standen zehn Mörder und die Mafia von Marsala. Mir wurde ein ganzer Schrank voller Akten gezeigt und gesagt: „Lies das alles durch!“ Das war im November 1967. Pünktlich, als sei eine Schweizer Uhr im Spiel, erreichten mich Postkarten mit Zeichnungen von Särgen und Kreuzen. So etwas kann einen Anfänger treffen. Aber für mich war dieser plötzliche, gewaltige Sprung mitten in die Welt der Cosa Nostra aufregend, ein prägendes Erlebnis. Meine ohnehin große Neugier auf die Mafia wuchs mit jedem Tag der Ermittlungen. Es war allerdings nicht einfach, von Marsala oder Trapani aus eine Gesamtsicht des Phänomens Mafia zu bekommen. So kehrte ich 1978 nach Palermo zurück. Nach einem Jahr wurde ich der Arbeitsgruppe von Staatsanwalt Rocco Chinnici als Untersuchungsrichter zugewiesen.

Wir haben in der Anti-Mafia-Abteilung wie Zwangsarbeiter gelebt: Weckruf beim Morgengrauen zum Studium der Dossiers vor dem Gang zum Gericht; Rückkehr nach Hause am späten Abend. 1985 machten mein Kollege Paolo Borsellino und ich „Urlaub“ in einem Gefängnis bei Asinara, auf Sardinien, um die Anklageschrift im großen Mafia-Prozeß zu formulieren.

Auch wenn ich bei meinen Kollegen manchmal den verständlichen Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität spüre – nach weniger Eskorten, weniger Schutz, weniger Strenge bei Reisen: Ich persönlich bedaure nichts. Und im Augenblick ertappe ich mich dabei, Angst vor den Konsequenzen eines solchen Wunsches nach Normalität zu haben. Normalität würde nämlich bedeuten: weniger Ermittlungen, weniger Härte, weniger Resultate.