Von Ulrich Greiner

Der Fall Rushdie ist nicht ausgestanden. Für den Autor nicht, der sich seit dem 14. Februar 1989 auf der Flucht vor seinen Mördern befindet, und für uns nicht, seine Leser. Natürlich haben wir uns darüber empört, daß ein Schriftsteller wegen eines von Moslems für blasphemisch gehaltenen Romans sterben soll. Die Kunst, so glauben wir, sei frei. Der Roman „Satanische Verse“ des britischen Staatsbürgers indischer Herkunft Salman Rushdie ist ein Kunstwerk. Und damit basta. Oder, wie Rushdie in einem Interview mit der ZEIT (Nr. 17. 1992) gesagt hat: „Was geschehen ist, ist sehr einfach: Jemand hat ein Buch geschrieben, jemand will ihn dafür töten. Das ist keine intellektuelle Debatte. Das ist Gangstertum.“

Die Fronten sind anscheinend klar: Der mittelalterliche Fundamentalismus des Orients kämpft gegen den aufgeklärten Liberalismus des Okzidents. Die Fronten sind aber keineswegs klar. Wenn wir Richard Websters kürzlich erschienene Streitschrift „Erben des Hasses – Die Rushdie-Affäre und ihre Folgen“ (Knesebeck Verlag) als Indiz nehmen, so kann die zivilisierte Welt sich keineswegs entscheiden, wie sie in diesem Konflikt reagieren soll. Sie ist gespalten. Und das betrifft nicht nur den Streit um die Zulassung iranischer Verlage zur Frankfurter Buchmesse, nicht nur die taktischen Manöver zwecks Wiederbelebung der politisch und wirtschaftlich nutzbringenden Beziehungen zum Iran, es betrifft auch die intellektuelle Auseinandersetzung.

Zwar herrscht weitgehend Einigkeit darüber, daß die Todesdrohung gegen Rushdie bedauerlich oder gar kriminell ist, nicht jedoch darüber, ob der Autor mit der Publikation der „Satanischen Verse“ bloß ein Grundrecht wahrgenommen hat oder ob ihn nun die unverhältnismäßige, aber nicht ganz unverständliche Strafe dafür ereilt, daß er schlafende Hunde mit Fußtritten geweckt hat.

Der englische Journalist Richard Webster jedenfalls wirbt um Verständnis für „die aufrichtige Empörung vieler gemäßigter Muslime, die sich gekränkt fühlen durch die Art und Weise, wie Rushdies Roman ihren Glauben verhöhnte und die heilige Gestalt des Propheten Mohammed in einer ebenso obszönen wie verächtlichen Sprache beleidigte“. Webster wirft Rushdie mangelnde Sensibilität vor, und er fügt hinzu, daran sei nicht nur Rushdie schuld, sondern wir alle, weil wir eine Kultur hervorgebracht hätten, die, in ihrem Bestreben, sich von Tabus zu befreien, die zerstörerische Gewalt von Tabuverletzungen nicht begriffen habe. Richard Webster ist zwar der Ansicht, die Fatwa gegen Rushdie sei „grausam, mörderisch und tyrannisch“, zugleich aber findet er, der Roman wäre besser nicht erschienen, und wenn schon, dann hätte der Autor die strittigen Stellen streichen sollen und in jedem Fall einer Taschenbuchausgabe nicht zustimmen dürfen.

Diese gewissermaßen sozialpflegerische Sicht der Dinge kommt einer verbreiteten politischen Strategie entgegen, die nichts anderes als Appeasement bedeutet. Den westlichen Regierungen kann nichts daran liegen, lukrative Beziehungen zu islamischen Ländern wegen eines intellektuellen Bastards aufs Spiel zu setzen. Im vergangenen Herbst fand, finanziert vom Thyssen-Konzern, ein iranisches Kulturfestival in Dortmund statt, und das Auswärtige Amt beabsichtigt, im nächsten Jahr eine deutsche Kulturwoche in Teheran zu veranstalten. Sie wird weder stattfinden können noch dürfen, wenn dort die Rede davon sein soll, daß deutsche Übersetzer von Rushdies Büchern den Schutz der Anonymität suchen müssen.

Für derlei Politik ist Rushdie ein Störfaktor. Insofern hängt die Kanzel, von der herab Webster uns ins Gewissen redet, völlig in der Luft. Hat denn irgendeine Regierung dramatische Schritte unternommen, um das Leben ihrer bedrohten Übersetzer oder Verleger gegen den Iran zu verteidigen? Ist denn, nach dem nahezu tödlichen Überfall auf den italienischen Übersetzer der „Satanischen Verse“ eine EG-Außenministerkonferenz tätig geworden? Wo also wäre die „absolutistische“ Verteidigung der Meinungsfreiheit, die Webster in den westlichen Reaktionen auf Rushdies Fall erblickt? Es gibt sie nicht. Die Politik spricht mit gespaltener Zunge, und den Verteidigern Rushdies stehen ebenso viele gegenüber, die für den multikulturellen Kompromiß plädieren.