ZEIT: Herr Präsident, seit dem Gipfel von Maastricht sind sechs Monate vergangen. Der europäische Elan ist erlahmt, die politische Debatte in den Ländern der Gemeinschaft wird von innenpolitischen Themen beherrscht. Macht Ihnen das nicht Sorge?

Delors: Es ist für mich auf jeden Fall eine Enttäuschung. Die Maastrichter Verträge sind so wichtig, daß sie in jedem unserer Mitgliedstaaten eine Grundsatzdebatte verdient hätten. Die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Währung, das ist eine einschneidende Sache. Es bedeutet, daß unsere Länder eine strenge monetäre Disziplin im Inneren akzeptieren und’gleichzeitig ihre wirtschaftspolitische Koordinierung verstärken müssen. Dazu kommt das politische Engagement, eine gemeinsame Verteidigung und gemeinsame Maßnahmen in der Außenpolitik anzustreben. Und es bleibt eine wichtige Aufgabe, dieses Europa zu demokratisieren. Diese Themen hätten eine große Debatte verdient. Soweit ich weiß, hat sie nur in Großbritannien stattgefunden.

ZEIT: Immerhin gibt es ja jetzt in Deutschland eine Debatte. Wie Sie wissen, haben die Deutschen Angst davor, ihre Mark für Europa zu „opfern“. Mit welchen Argumenten können Sie uns empfehlen, die Mark gegen eine europäische Währung einzutauschen?

Delors: Natürlich verstehe ich das Zögern der Deutschen. Die Mark ist schließlich nicht nur das Symbol für den Erfolg der sozialen Marktwirtschaft, sondern auch für das Deutschland von heute. Aber ich kann den Deutschen sagen: Sie geben die Mark für eine europäische Währung hin, die die gleiche Qualität haben muß wie die deutsche Währung. Dabei wissen sie (und können stolz darauf sein), daß die deutsche Wirtschafts- und Währungspolitik das Modell für die europäische Wirtschafts- und Währungsunion gewesen ist.

ZEIT: Sie sind sicher, daß das europäische Geld so gut sein wird wie die Mark?

Delors: Wenn das nicht der Fall ist, wird es keine europäische Währung geben.

ZEIT: Somit auch keinen Automatismus beim Übergang zur gemeinsamen Währung?