Von Markus Stromiedel

Has’ ma’ zwei Mark?“ Die alte Frau streckt ihre geöffnete Hand aus. Jemand hastet die Treppe hinauf und betritt den Bahnhof, die Schritte verhallen. Federnd pendelt die Schwingtür hin und her. Die Frau kommt näher, lächelt. „Na komm schon“, sagt sie und tippt mir vorsichtig in die Seite, „hab’ dich nich’ so. Zwei Westmark, ja?“ Wandlitz, im Frühjahr 1992.

Die Fahrt im Doppelstockzug von Berlin nach Wandlitz hatte die Vergangenheit wach werden lassen. Alles stimmte: der Aufstieg ins Oberdeck, das Quietschen der Achsen, der Geruch nach Staub und Kunstleder, verdreckte Fenster. Vergangene Zeiten? Aus dem Bahnhofshäuschen guckt eine Reichsbahnerin müde hervor. Was wäre, wenn hinter den Schwingtüren der Bahnstation die alten Verhältnisse warten?

„Has’ ma’ zwei Mark?“ Gegenwart. Ich blicke mich um: Wie mit lockerer Hand verstreut, ist der Bahnhofsvorplatz gesprenkelt mit den Symbolen der jungen Nachwendezeit – hier eine Telephonzelle, dort ein Werbeplakat, an der Straße ein neues Verkehrsschild, gegenüber drei Imbißbuden. Sonnenlicht streicht über das Pflaster, fällt auf das silberglänzende Haar der Frau und überschattet die bittenden Augen. Eine Münze wechselt den Besitzer.

„Kommen Sie hierher. Hier beginnt der Rundgang.“ Hans Papendieck, der Leiter des Heimatmuseums, winkt den Besucher zurück durch die Zeit, vorbei an Schaukästen mit Photos und Schrifttafeln, Gebrauchsgegenständen und Zeichnungen, zurück an den Anfang der Geschichte: Slawen besiedelten während der Völkerwanderung die Seehalbinsel und gaben dem Dorf seinen Namen; „Vandelice“ – Menschen, die am Wasser leben.

Im Jahre 1242 wird Wandlitz erstmals urkundlich erwähnt, in einem Dokument, mit dem die Markgrafen Otto und Johann den Verkauf des Dorfes an das Kloster Lehin besiegeln. Der Kaufpreis: 150 Mark Silber und „drei Züge mit dem großen Netz im Wandlitzsee“.

Plünderungen, Besatzungen, Kriegswirren – so lassen sich die Schrecken der Vergangenheit auf ein paar Sätze komprimieren. Der wirtschaftliche Aufbruch im 18. und insbesondere Ende des 19. Jahrhunderts schließlich führte zu einer Besserung der Lebensverhältnisse: Neue Wohn- und Wirtschaftsgebäude entstanden im Ort, es wurde eine Schule gebaut, ein Standesamt und auch eine Arbeitersiedlung.