Von Konrad Heidkamp

Warum eine Kunstpostkarte betrachten, wenn das Original jederzeit verfügbar ist? Auftritte deutscher Jazzgruppen wirkten immer wie Pausenfüller im US-amerikanischen Konzertpaket, wohlwollend mit höflichem Beifall aufgenommen, um ihnen dann zu bescheinigen, daß sie ihre Lektionen brav gelernt hatten. Die Ausnahmen dienten als Beleg: die Musiker um das Manfred Schoof Quintett, Alexander von Schlippenbach, Peter Brötzmann und natürlich Albert Mangelsdorff. Ihr Pech: Sie erschienen in der Hochblüte des amerikanischen Aufbruchs der sechziger Jahre.

Die Zeiten haben sich geändert. Spätestens seit zehn Jahren ist deutlich zu vernehmen, daß die überseeische Quelle versiegt ist. Importiert wird in Flaschen abgefüllter Mainstream, und selbst die mit den Avantgarde-Etiketten "M-Base" oder "Knitting Factory" versehenen Gruppenreisen erzählen nichts, was deutsche Jazzmusiker verblüffen könnte, Was also lag näher, als die technischen und musiktheoretischen Qualitäten eigener Lande in deutsche Formen zu gießen, mit neuen Emotionen und amerikanischen Bildern im Kopf am deutschen Rhein entlangzufahren, das Prinzip "Wim Wenders" auf die Jazzmusik zu übertragen?

Tome XX nennt sich das Quartett, mit dem Thomas Heberer zusammen mit Dirk Raulf am Saxophon, dem Bassisten Dieter Manderscheid und dem Schlagzeuger Fritz Wittek eine der eigenständigsten und schönsten CDs der Heimat aufgenommen hat: "The Red Snapper". Kurz und bündig sind da 24 Titel zu 66 Minuten versammelt, kaum ein Stück länger als eine Pop-Single. Jedes Bild steht für sich, durchkonstruiert und zugleich offen, und immer hofft man, die einzelnen Einstellungen mögen doch länger dauern, und dann ist es gut so – die Bilder werden zum Film, die Episoden zu einer Suite.

Das Saxophon Dirk Raulfs dröhnt erdig und rauh, mit abrupten hymnischen Ausbrüchen, die Trompete Thomas Heberers zieht lange Phrasen über kurzatmige Begleitung, beläßt es bei Bebop-Kürzeln oder verfällt in vibratogetränkte, satte Chicago-Phrasierung. Das Verblüffende: Die Brüche führen nicht zum stilistischen Bruch, die musikalischen Zitate wirken weder witzig noch humorvoll, sie nehmen das Idiom ernst, dem sie sich für vier Minuten ausliefern.

Zugegeben, man zögert, dies so gut zu finden, wie es ist, abgeschreckt von allem, was "Post" als Präfix trägt, all dem Mischmasch, der Einfallslosigkeit, mit Stilfreiheit begründet. In dieser Musik spürt man jedoch eine Selbstverständlichkeit, die leicht und doch nie oberflächlich ist. Hätte es eines Beweises bedurft – Sotto In Su, die neueste Formation unter der Mitwirkung Thomas Heberers, belegt die Ausnahmestellung des jungen Trompeters nicht nur im Jazzhaus am Rhein. Man würde ihn überaus professionell nennen, könnte dies nicht mißverstanden werden – als glatt, perfekt oder schablonenhaft. Nichts davon bei Thomas Heberer. Vielleicht stört noch immer der gestylte, kunstschwangere Schmus, der seine Produktionen wie ein Kölner Galerie-Ambiente umschließt. Seine Musik hätte ihn nicht nötig.

Das 1990 live in Südamerika aufgenommene Album von Sotto In Su (ital.: "von unten herauf" oder "die Erweiterung eines realen Raumes mit künstlerischen Mitteln") kann, mit all seinen zeitlichen Verweisen und atmosphärischen Erinnerungen, als Reisebericht verstanden werden, aber ebenso als einfach bedrückend traumhafte Musik. Thomas Heberers Ton, der oft dem verzweifelten Kampf und dem vollen Klang der Posaune nähersteht als dem strahlenden oder melancholischen Klang einer Trompete, wird hier von Synthesizern, Tonbändern und Computern unterlegt. Aber Heberer widersteht der Gefahr, sich über den elektronischen Blasen und scharfen Rhythmusspitzen auszuleben. Eher schon tauchen Bilder aus der Vergangenheit auf – Miles Davis mit Gil Evans, Dizzy Gillespie mit den Kompositionen Duke Ellingtons –, transponiert in eine Zukunft, in der die Themen in Bildern zu Themen in Räumen werden. Es ist schwere, getragene Musik, die elektronische Künstlichkeit mit der Wärme des offenen Blicks verbindet. Irritierend schöne Musik, der man nicht entkommen kann, wenn man sich erst einmal im Inneren befindet. Und die Türen öffnen sich erst, wenn der letzte Ton verklungen ist.