Deutsch-polnischer Frühling

Der Völkerfrühling, wenn es ihn gibt, kommt nicht als Himmelsgeschenk über uns. Auch Friede, auch Nachbarschaft wollen gelernt sein. Im Deutschen Polen-Institut in Darmstadt wird seit Jahren an etwas gearbeitet, was vielleicht einmal Völkerfreundschaft genannt werden könnte. Jeweils im Frühjahr erscheint ein Jahr- und Lese-Buch, das mehr ist als ein Forschungs-Bericht: „Deutsch-Polnische Ansichten zur Literatur und Kultur“ – mit Originalbeiträgen, Übersetzungen, Bibliographie und Chronik. Eine schön wilde, also gut polnische Mischung von Wissenschaft und Freigeisterei, Politik und Poesie (Alexandraweg 28, 6100 Darmstadt; 336 Seiten, Abb., 15 Mark). Was der Direktor dieses fleißig nach Osten schauenden Instituts, der Übersetzer Karl Dedecius, dem an Polens Leben und Literatur interessierten Leser zu sagen hat, konnte er mit Hilfe des Suhrkamp Verlags im Wintersemester 1990/91 an der Frankfurter Universität deutlich machen: „Polnische Poesie zu lesen ist eine Entdeckungsreise, eine Lektion in Völkerkunde und Geschichte.“ („Poetik der Polen – Frankfurter Vorlesungen“; Frankfurt 1992; 136 Seiten, 14 Mark). In der „Polnischen Bibliothek“ bei Suhrkamp ist eben ein neuer Band erschienen, übersetzt und herausgegeben von Karl Dedecius: „Lyrisches Quintett – Fünf Themen der polnischen Dichtung zwischen 1939 und 1989“ (386 Seiten, 36 Mark). Die Themen sind: Vaterland, Glaube, Liebe, Exil, Tod – ohne die weder polnische Politik noch Kultur zu verstehen sind. Ein aufregender Band, auch weil unter den Dichter-Namen im Kapitel „Opfer“ in ihrer Kargheit erschütternde Daten stehen, die wir zur Kenntnis nehmen müssen, wenn ein besseres Nebeneinander beider Völker möglich werden soll. „Beim Fliegerangriff am 9. September 1939 in Lublin getroffen“, heißt es über einen jungen Dichter – und so fort über lauter junge Leute, die dichten, die leben wollten: „in Warschau erschossen“, „in Treblinka vergast“, „beim Judenpogrom erschossen“. Dazu die Todesmeldungen der dem KZ – scheinbar – entronnenen Opfer nach Kriegsende: „Fenstersturz 1956 in New York“, „Freitod 1961 in Posen“, „nahm 1971 Gift“, „ertrank 1979 freiwillig in einem See“. Freiwillig?

Richtig falsch

Jetzt bloß keinen Fehler machen! Das 3. Pfingstsymposion handelt vom Fehler. Angeboten werden unter anderem die Veranstaltungen: „Liebe deine Fehler wie dich selbst (Erlebniswerkstatt I)“, „Der falsche Ton und seine Richtigkeit“ und „Torkeltanz, Workshop“. „Torkeltanz ist eine chaotische Bewegungsform um den eigenen Gleichgewichtspunkt.“ Aber Vorsicht: „Im sprachlichen Streit kommt eine reale Distanz zum Ausdruck!“ Deshalb: „Machen Sie ruhig viel ‚falsch‘!“ Zu den Referenten gehören neben Frau Dr. Maria Felsenreich (Forschungsstelle für Bioenergie, Wien-Gänserndorf) auch die Philosophinnen Dr. Elisabeth von Samsonow (Wien) und Prof. Dr. Daniel Charles (Nizza). Das 3. Pfingstsymposion hat zwar eine Veranstaltungszeit (11. bis 14. 6.), einen Veranstaltungsort (das Freie Musikzentrum München, Ismaninger Str. 29), eine Leiterin (Ulrike Trüstedt) und Förderer (zum Beispiel den bayerischen Kultusminister), wird aber, wenn wir richtig gelesen haben, eigentlich von niemandem veranstaltet. Das könnte ein Fehler sein. Wir wollen ihn lieben wie uns selbst.

Letzte Meldung

Anruf aus Rom: „Du ahnst nicht, wer dran ist!“ Etwa der Papst? „Ja, mein Sohn!“ Was gibt’s Neues, Väterchen? „Alle Menschen guten Willens“ – also wir! – „sind dazu aufgerufen, zu einem Richtungswechsel der Politik beizutragen“ – ja, genau! Richtungswechsel! Endlich! – „die ein wahrhaftes Massaker an Unschuldigen“ – eben! Bosnier und Kroaten in Sarajevo, Kurden in der Türkei, Demonstranten in Thailand, Hungerleider in den Slums von Rio und Mexico City, Kriegskrüppel in den Wüsten Somalias und Äthiopiens und überall Kinder, Frauen, Unschuldige! Sprich weiter, Väterchen! – „in weltweitem Maßstab duldet...“ Weltweiter Maßstab? Also auch hier, bei uns? Ja, was ... Ach so! Wie bitte? Die was? Die Abtreibungen? Aber das ist doch wohl ... Kracks. Aufgelegt. Nichts Neues aus Rom.