Von Hans Schuh

Die deutsche Grundlagenforschung steckt in einer Krise, und vieles deutet darauf hin, daß sich ihre prekäre Situation in Zukunft noch verschärfen wird. Neben massiven finanziellen Engpässen, die fast jede Erneuerung blockieren, beklagen die Forscher eine zunehmende Bürokratisierung und in wichtigen Bereichen eine sinkende Akzeptanz in Gesellschaft und Politik. Aber da die Wissenschaftler uneins sind und viele von ihnen lauten Protest als unstandesgemäß, ja vulgär ablehnen, drohen sie mit ihren Anliegen beim verschärften Verteilungskampf um die knappen Ressourcen in aller Stille unterzugehen. So befindet sich die deutsche Forschung in einer schizophrenen Situation: Zwar genießt sie hohes Ansehen im Ausland und heimst vermehrt Nobelpreise ein. Doch während sie quasi die "Ernte" aus den fruchtbaren sechziger und siebziger Jahren einfährt, gerät sie zu Hause zunehmend unter Druck und droht irreparablen Schaden zu nehmen.

So sieht sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) inzwischen gezwungen, etwa zwei Drittel aller Anträge auf Förderung abzulehnen – auch wenn diese bestens begutachtet sind und noch vor wenigen Jahren mit Sicherheit Unterstützung gefunden hätten. Von vornherein abgewiesen werden Begehren auf Gründung neuer Forschergruppen oder zur Finanzierung teurer Großgeräte. Wolfgang Frühwald, der zu Jahresbeginn sein neues Amt als DFG-Präsident angetreten hat und "die drohende Talfahrt der Forschung bremsen" wollte, muß ernüchtert feststellen, daß sich die Lage nicht entspannt, sondern deutlich zugespitzt hat.

"Die neuen Tarifabschlüsse lassen die Personalkosten weiter steigen, der bescheidene Mittelzuwachs für 1992 wird dadurch mehr als aufgefressen", konstatiert er. Damit werde das freie Geld zur Förderung von Innovationen erneut knapper, während die Schar der Antragsteller rapide wächst. Umschichtungen von Forschungsmitteln des Bundes zugunsten der neuen Länder, mangelhafte finanzielle Ausstattung der Hochschulen und ein starker Nachwuchs – die Sprößlinge des "Babybooms" der sechziger Jahre sind nun im forschungsfähigen Alter –, all dies hat den Konflikt zugespitzt. "In einzelnen Bereichen, beispielsweise den Altertums- oder Ingenieurwissenschaften, sind keine Erneuerungen mehr möglich", klagt Frühwald. "Die Phantasie droht auszutrocknen, und das ist auf Dauer für die Forschung tödlich."

Auch Hans Zacher, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), beklagt eine lähmende Finanzklemme. Am Rande eines Symposiums auf Schloß Ringberg am Tegernsee stellte er lapidar fest: "Wir können derzeit keine neuen Berufungen mehr finanzieren." Lange aufgeschobene Investitionen in Gebäude seien nun überfällig, und dies bei real gesunkenen verfügbaren Mitteln. Doch nicht der schnöde Geldmangel hatte die MPG veranlaßt, nach Ringberg einzuladen, sondern im Vordergrund des Symposiums standen das Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sowie Diskussionen über "Sinn und Wert der Grundlagenforschung". Es ist bezeichnend für das Desinteresse an der Forschung: Die meisten geladenen Gäste, Vertreter von Wirtschaft, Politik und Medien, glänzten durch Abwesenheit.

Dabei ist die Sorgenliste der Wissenschaftler beachtlich:

  • Die Spannung zwischen Forschung einerseits und Gesellschaft und Politik andererseits ist gestiegen. Immer häufiger stößt Forschung auf Mißtrauen oder wird sogar bekämpft, etwa wenn sie mit Tierversuchen oder Strahlenquellen arbeitet.
  • Mit dem Mißtrauen einher geht eine in Deutschland besonders ausgeprägte Reglementierungssucht. Diese gibt zwar vor, Bürger und Wissenschaftler vor Gefahren zu schützen. Sie führt aber, oft ohne dieses Ziel zu erreichen, zu massiven Eingriffen in die Forschungsfreiheit bis hin zur weitgehenden Lähmung. Das Gentechnikgesetz ist ein Beispiel hierfür. Renommierte ausländische Wissenschaftler schütteln den Kopf und lehnen es ab, unter solchen Bedingungen in Deutschland zu arbeiten.
  • Die Wissenschaft wird zunehmend politisch instrumentalisiert, und bei abnehmenden Ressourcen wächst die Gefahr, daß sie verstärkt nach ihrer Nützlichkeit beurteilt wird. Aids-, Ozon- oder Klimaforschung werden üppig unterstützt, die "stillen" Fächer hingegen haben das Nachsehen. Vor allem die Grundlagenforschung riskiert dabei unter die Räder zu kommen, denn ihr Nutzen ist diffus und daher extrem schwer einschätzbar. Dennoch ist sie der "Mutterboden" für anwendungsnahe Forschung und für die Ausbildung qualifizierten Nachwuchses.
  • Die Forschung nimmt zu an Komplexität, ihre Ergebnisse sind immer schwieriger zu vermitteln. Relativ leicht finden hingegen jene Gehör, die auf die Sinnlosigkeit oder Gefährlichkeit bestimmter Projekte hinweisen. Selbst wenn sich laute Kritik als unberechtigt erweist, so ist sie argumentativ ungeheuer schwer auszuräumen. Denn der Laie kann wissenschaftliche Kontroversen meist nur intuitiv, aber nicht objektiv beurteilen. Und, wie bereits Einstein sagte, sind populäre Vorurteile schwerer zu zerstören als Atome. Aber gerade weil sie oft unter "lärmgesteuerter Politik" leiden, lehnen die meisten Forscher es ab, selbst lauten Lobbyismus zu betreiben.