Von Helmut Schmidt

Der Verzicht auf den Aspekt der Bevölkerungsexplosion war ein Kardinalfehler in der Anlage der Rio-Konferenz. Jedes Jahr wachsen der Welt hundert Millionen Menschen zu. Bis zum 19. Jahrhundert hatte die Menschheit Hunderttausende von Jahren gebraucht, um sich auf eine Milliarde Menschen zu vermehren. Am Beginn des 20. Jahrhunderts gab es anderthalb Milliarden Menschen auf der Erde, am Beginn des 21. Jahrhunderts werden es viermal so viele sein. Das dramatische Bevölkerungswachstum findet zu 95 Prozent in den Entwicklungsländern statt. Infolgedessen steigt die Zahl der von absoluter Armut betroffenen Menschen mit großer Beschleunigung.

Entwicklungshilfe, in der Mitte unseres Jahrhunderts begonnen, hat drastische Armut nicht verhindern können, wohl aber hat sie durch bessere Medizin und deutliche Absenkung von Kinder- und Müttersterblichkeit zur Bevölkerungsexplosion beigetragen. Wenn die Menschheit weiterhin im gegenwärtigen Tempo wächst, dann kann kein vernünftiger Mensch auf eine Minderung der Armut und auf die Erhaltung der Umwelt setzen. Selbst dann nicht, wenn wir die Entwicklungshilfe vervierfachten.

Im Jahre 1950 machten die industriell entwickelten Geberländer noch ein Drittel, die Empfängerländer zwei Drittel der Menschheit aus. Binnen dreißig Jahren aber werden die auf Entwicklungshilfe hoffenden Länder fünf Sechstel der Menschheit beherbergen. Die Hoffnung, der industrialisierte Teil der Menschheit könne durch Entwicklungshilfe den fünfmal so großen Rest aus seiner Armut befreien, wird zur bodenlosen Illusion, zumal die Empfängerländer im Schnitt das Fünffache der empfangenen Entwicklungshilfe für ihr Militär aufwenden. Massenwanderungen werden folgen, gegen die jene Völkerwanderung nebst ihren Kriegen verblassen wird, von der wir in der Schule gehört haben. Die Umwelt würde dann gleichfalls vor die Hunde gehen.

Unter den Umweltgefährdungen stechen die Gefahren des Treibhauseffektes und der davon ausgehenden klimatischen Veränderungen hervor, vor allem der Anstieg des Meeresspiegels. Hunderte von Millionen am Pazifik und in den großen Flußdeltas Asiens, Afrikas und Südamerikas werden weichen müssen und sich auf den Marsch machen. Die bei weitem wichtigste Ursache für die Erwärmung des Planeten liegt keineswegs in der Vernichtung tropischer Wälder, sondern in der Verbrennung fossiler Energie zu Kohlendioxid: Kohle, Braunkohle, Öl und Gas. Die Industriestaaten, die Vereinigten Staaten einsam an der Spitze, sind dafür hauptsächlich verantwortlich.

Washington hat sich geweigert, in Rio eine konkrete Verpflichtung auf Begrenzung der CO2-Emission einzugehen. Die europäischen Staaten und Japan haben sich dahinter versteckt: ein schwerwiegender Sieg des sacro egoismo über Vernunft und Verantwortung. Die Entwicklungsländer wiederum haben es abgelehnt, eine Verpflichtung zur Propagierung geringerer Geburtenzahlen einzugehen; dabei haben sich viele von ihnen hinter dem Heiligen Stuhl verstecken können, der in den Vorverhandlungen seine bornierte Ideologie geschickt vertreten hat.

Entwicklungsländer und Industrieländer liegen auf dem gleichen Planeten, sie sitzen nebeneinander im gleichen Boot. Aber beide weigern sich, das Leck auf ihrer eigenen Seite zu schließen. Schlimmer noch: Sie drohen sich gegenseitig, das Leck auf ihrer Seite noch zu vergrößern, wenn nicht der andere mit dem Abschotten beginnt.