Ein Unglück. Vom Beifall umrauscht. Was hätten wir in der viel zu großen, allem Theater feindlichen Halle E des Messepalastes bei den "Wiener Festwochen" sehen können? Das dramaturgisch am besten gearbeitete, zwischen Metaphysik und Boulevard mit Sprachspielen von ironischer Leichtigkeit jonglierende sechste Bühnenstück der 1948 in Sindelfingen geborenen Lyrikerin und promovierten Linguistin Friederike Roth: "Erben und Sterben" (Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 93 Seiten, 25 Mark).

Was hat der als Roth-Spezialist geltende Regisseur Günter Krämer bei den Wiener Festwochen inszeniert? Die mutlos platte, durch szenische Mätzchen aufgedonnerte Uraufführung eines kleinen, witzig-frechen Spiels trauernder Selbst-Befragung, einer Satire auf den Kunst-Betrieb, der höhnischen Abrechnung mit einer sich gerade im "Kultur-Bereich" oft spreizenden "Feminismus"-Schickeria.

Friederike Roth macht es sich (und Regisseuren) nicht leicht. "Warum / nur etwas und nicht gleich alles?" Die Frage aus einem spröden Lied mit dem charakteristischen Titel "Himmelsgedicht", aus dem jüngsten Lyrikband "Schattige Gärten", verrät, welche Unrast des Herzens dieser Autorin Verse und Dialoge diktiert. Eine Sprachkünstlerin, eine Dichterin, wie wir wenige haben, eine Dramatikerin (?) auch, gefährdet ihr Werk immer wieder, weil sie mit verzweifelter Wut sprachlich, szenisch zu erzwingen wagt, was ihr die Wirklichkeit verweigert: "So wie es ist, kann es nicht sein." – "Was du suchst / ist was du nicht findest." – "Einst fehlte nichts, und jetzt fehlt alles."

Sätze, unterdrückte Schreie, aus Gedichten, aus Stücken der letzten Jahre. Quellenangabe? Nicht nötig. Eine Autorin, die sich – weniger aus Eitelkeit als mit lustvoller Qual – oft selber zitiert, die unter dem Trompeten-Titel ihres Hauptwerkes "Das Buch des Lebens" den schrillen Untertitel schreibt: "Ein Plagiat", kann und will mit solchen Sätzen bürgen für einen von Ideologien freien Kopf, für geistige Unabhängigkeit.

Im jetzt uraufgeführten Spiel lauten die Qualsätze so: "Bleib mir vom Leib, halt mich fest. – Wir sind uns dauernd dabei begegnet, wie wir uns aus dem Weg gehen wollten. – Wo ein Paradies ist, da ist gleich daneben die Hölle; wie Deckel und Topf."

Immer schon lebten Friederike Roths Stücke aus der Spannung zwischen lebensklugen, weisen, alten, sterbenden Frauen und besinnungslos hechelnd das Lebens-Gesetz als Trieb-Kommando erfüllenden Männchen. Banales Geschwätz steht in schmerzhaftem Kontrast zu raunendem Singsang im Ton von Märchen, Mythen, Sagen. Das Stimmengeflecht von Stücken, die ihre Herkunft vom Hörspiel nicht leugnen, ist oft schwer zu entwirren. "Die Struktur ist mir über den Kopf gewachsen. Handlung ist nicht", gestand Friederike Roth trotzig, als sie 1985 aus dem Werk "Erben und Sterben" las, das als zweiter Teil des Triptychons "Das Buch des Lebens" gedacht ist. Teil eins ist 1983 erschienen, der schmale Band poetischer Prosa: "Liebe und Wald". Der Titel der dritten Folge, eines Gedichtbandes, ist seither auch bekannt: "Wiese und Macht".

"Erben und Sterben" wurde vor sieben Jahren schon angekündigt: "Sieben Geschichten und sieben Briefe" über die Geschichte einer Liebe, was bei dieser Autorin nur heißen kann, die Geschichte einer Trennung ("Einfach ist weggehen nie. Aber besser"). Als Thema wurde genannt: "Liebe und Tod, Kunst und Schreiben".