Von Heide Ilka Weber

Sie steht schon vor der Haustür und identifiziert mich sofort als ihren neuen Gast. „Hello, ich bin Vicky, haben Sie viel Gepäck?“ Der Hauseingang liegt Tür an Tür mit einem dieser typischen Lebensmittelläden, die mit Süßigkeiten, Salaten und Fertiggerichten 24 Stunden am Tag den Bedarf der New Yorker Singeis decken. Vicky wendet sich an die beiden koreanischen Verkäufer, und einer erklärt sich schließlich bereit, meinen schweren Koffer die 82 Stufen bis zu Vickys Wohnung hinaufzuschleppen. Meine Gastgeberin entschuldigt sich: Der Hauswirt dächte nicht daran, den schon seit Wochen kaputten Aufzug zu reparieren – kein Geld. Das sei eben New York. Und es klingt, als hätte sie sich mit diesem Malheur längst arrangiert.

Vickys Wohnung ist hell und vollgestopft mit nostalgischen Möbeln, mit Grünpflanzen, Büchern und Kissen, ein einziger 65-Quadratmeter-Raum, durch provisorische Aufbauten an einer Seite wenigstens optisch in Raumeinheiten unterteilt. Ich hatte es ja so gewollt, Bed & Breakfast in New York, in einem Loft, einer dieser Einzimmeratelierwohnungen. „Wissen Sie“, flötet Vicky später beim Willkommenstee, „das geht hier ziemlich ungezwungen zu.“ Und vorsorglich zeigt sie mir, wie ich mir mein Frühstück selbst zubereiten kann.

Vicky ist so, wie man sich eine dynamische New Yorkerin vorstellt. Sie hat gerade ihren Dienst als Lehrerin quittiert. Zuwenig Einkommen, als daß man davon leben könnte. Sie will ihre Zeit gewinnbringender nutzen. Was das in der Praxis bedeutet, führt sie mir täglich vor: Von ihrem Schreibtisch aus betreibt meine Wirtin eine Agentur für singende und strippende Telegrammboten, organisiert Verkaufsbörsen und handelt mit Modeschmuck. Vicky verliert keine Minute, nicht einmal für das Frühstück. Links den Telephonhörer, rechts den Toast, sitzt die agile Mittvierzigerin schon morgens um acht an ihrem Schreibtisch – wild entschlossen, aus allen Chancen ein business zu machen.

Gibt es eine bessere Gelegenheit, die New Yorker kennenzulernen, als bei ihnen zu wohnen? Hinter dem Zauberwort „Bed & Breakfast“ (kurz: B & B) freilich verbergen sich keine billigen Frühstückspensionen wie im Mutterland der B-&-B-Unterkünfte Großbritannien, die Bandbreite reicht vom einfachen Einzelzimmer in einer Mietwohnung bis zum Appartement im Herrenhaus. Darüber hinaus vermitteln Bed-&-Breakfast-Agenturen auch nicht bewohnte Wohnungen (unhosted apartments) in den besten Gegenden Manhattans.

Viele Gäste reizt der günstige Preis der Privatunterkünfte, nachdem ein Hotelzimmer in New York jetzt im Schnitt 210 Dollar (etwa 360 Mark) ohne Frühstück erreicht hat. Bis zu 50 Prozent der Übernachtungskosten lassen sich einsparen. So gibt es bei Urban Ventures und bei City Lights Bed & Breakfast einfache Einzelzimmer schon von 40 Dollar (etwa 70 Mark) an. Doppelzimmer sind bei fast allen Agenturen für zwischen 60 und 95 Dollar zu haben, für luxuriöse Mitwohngelegenheiten in Upper East und anderen ausgesuchten Wohngegenden sollte man allerdings ein paar Dollar mehr veranschlagen.

Für 100 Dollar (etwa 170 Mark) und mehr kann man sich auch in Wohnungen ohne Gastgeber und ohne Frühstück einmieten, zum Beispiel in ein doppelstöckiges Appartement mit Balkon, Wintergarten und Sicht auf den Central Park. City Lights bringt zwei bis vier Personen für 130 beziehungsweise 150 Dollar (zwischen rund 220 und 250 Mark) pro Nacht in der ehemaligen Residenz des neuseeländischen Botschafters ganz in der Nähe von New Yorks feinsten Hotels in Upper East unter.