Von Elisabeth Wehrmann

Chang-Lin Tien spaziert fast täglich über den Campus der Universität Berkeley. Wo in den sechziger Jahren die weißen Kinder reicher Eltern die Revolution probten, studiert im Frühjahr 1992 die multikulturelle Elite der Nation. Studenten aller Hautfarben schlendern über Sproul Plaza und diskutieren in Spanisch, Japanisch, Arabisch, Russisch, Englisch oder in rund achtzig anderen Sprachen und Dialekten über den Wahlkampf, die jüngsten wissenschaftlichen Kontroversen, den Film von gestern abend.

Chang-Lin Tien nimmt sich Zeit, wenn er unterwegs ist. Er informiert sich über die Chancen der Fußballmannschaft, läßt sich von einem christlichen Studenten eine Bibel schenken (und verspricht, sie zu lesen), hört geduldig den Klagen eines Professors zu, lächelt ansteckend und freut sich, wenn Studenten auf ihn zukommen. "Wenn du dir klarmachst, daß Tien der Kanzler ist, daß er da ganz oben sitzt und hier mit uns redet, also ich finde das irre cool", sagt Sam Sorokin, Student im ersten Semester.

Der "coole Kanzler" von Berkeley, verantwortlich für 31 000 lernende und 1700 lehrende Mitglieder einer Universität, die als Flaggschiff auf der stürmischen Fahrt in die multikulturelle Zukunft gilt, aber wie alle anderen Hochschulen von finanziellen und politischen Krisen bedroht wird, ist Chinese. Als der 54jährige Ingenieur, ein international anerkannter Spezialist für Wärmetechnik, im Februar 1990 nach sechs Monate langer Suche unter mehr als 250 Bewerbern für das Amt ausgewählt wurde, war er der erste asiatische Amerikaner, der die sprichwörtliche "unsichtbare Grenze" zur Spitzenposition an einer der berühmtesten amerikanischen Universitäten und Forschungsinstitutionen überwand. Seine Berufung, die an der Westküste für Schlagzeilen sorgte und von Singapur bis Seoul als sensationeller Erfolg gefeiert wurde, versteht Tien selbst ganz pragmatisch als eine logische Folge der Evolution, als ein Resultat der rasanten demographischen Entwicklung in Kalifornien und als ein Zeichen gesellschaftlichen Fortschritts in Amerika.

In seiner Antrittsrede erklärte er: "Wir befinden uns hier in dem Staate, der die größte ethnische Vielfalt der Nation aufzuweisen hat. Unter den besten Universitäten des Landes steht Berkeley an erster Stelle, wenn es um ethnische, kulturelle und ökonomische Pluralität geht." Aufgabe der Universität sei es, diese Vielfalt zu stärken, zu erweitern und gleichzeitig die höchsten Ansprüche an Qualität und Fairness zu erfüllen. "Excellence through diversity" heißt das Motto dieses Kanzlers. Er scheut sich nicht, die Vision eines großen Mäzens der Universität Berkeley ernst zu nehmen, der schon 1883 prophezeite: "Studenten aller Rassen werden an unsere Universität streben ... Okzident und Orient, Vergangenheit und Gegenwart werden sich hier kulturell vereinigen, und Berkeley wird den Pazifischen Raum erleuchten." Nicht nur der Pazifik, korrigiert Tien in aller Bescheidenheit, "die ganze Welt wird von Berkeley erleuchtet werden". Der Alltag sieht noch anders aus: Weiße Politiker und asiatische Interessenvertreter protestieren gegen gelockerte Zulassungsbedingungen für schwarze und hispanische Studenten. Manche Professoren wettern über den "neuen Rassismus", dessen Opfer der weiße Mann sei. Die Latino-Koalition fühlt sich unterrepräsentiert. Studenten sprengen Vorlesungen, weil sie sich "suprematistische Tiraden" über die Genetik von Frauen, Schwarzen und Homosexuellen nicht länger anhören wollen.

Kanzler Tien sucht zu schlichten. Seine Wahl jedenfalls animiert die asiatische Gemeinde: Zum Amtsantritt überreichte ihm die Tang-Stiftung in San Francisco, eine asiatische philanthropische Gesellschaft, als Morgengabe einen Scheck von einer Million Dollar; kurz darauf kam der taiwanesische Erziehungsminister mit einem Geschenk von zwei Millionen Dollar für die Universität. Eine sehr willkommene Geste: Berkeley hat ein Defizit von sechzig Millionen Dollar, die Studiengebühren mußten um vierzig Prozent erhöht werden.

In Tiens Arbeitszimmer gibt es eine Statue des Konfuzius; auf seinem Schreibtisch steht eine kleine Skulptur, die den Mythos des Sisyphos darstellt; und an der Wand hängt, schön gerahmt, ein Photo von Helmut Kohl, der sich sehr tief verneigte, als der 1,65 Meter große Chang-Lin Tien im September 1991 dem "großen deutschen Staatsmann" die Ehrenmedaille der Universität um den Hals hängte. Wer immer auf Tiens dunkelrotem Diwan Platz nimmt, wird mit aufmerksamer Freundlichkeit empfangen und kann etwas lernen über das, was der Kanzler von Berkeley den "konstruktiven Streß zwischen Ost und West" nennt.