Von Wolfgang Zank

Die ersten Reaktionen der dänischen Wirtschaft auf das Nein zum Maastricht-Paket erinnerten fatal an die vor der Abstimmung entworfenen Schreckensszenarien: "Wir müssen nicht nur geplante Investitionen in Gebäude und Maschinen aufgeben. Wir befürchten auch, daß die Investitionen mehrerer Jahre in eine europäische Strategie verloren sind", erklärte Direktorin Katty Tornæs von der Nordisk Gummibadsfabrik. Kjeld Kirk Kristiansen, Vorstandsvorsitzender des Spielwarenherstellers Lego, hatte den Eindruck, daß "unter uns der Teppich weggezogen wurde"; Pläne zur Betriebserweiterung wollen die Bauklötzebauer vorerst zurückstellen. Und aus dem fernen Tokio vermeldete Botschafter Flemming Hedegaard: "Wir werden es schwer haben, den Japanern Dänemark als attraktives Investitionsland zu verkaufen."

Am Tag nach der Abstimmung fielen Aktien- und Obligationskurse, die Krone verlor an Wert. Nationalbankdirektor Erik Hoffmeyer sah sich gezwungen, die Zinsen anzuheben, um die dänische Währung zu stabilisieren. Doch schon nach kurzer Zeit trat weitgehende Beruhigung ein. Viele Investoren stießen zwar weiterhin dänische Papiere ab, aber ebenso viele ausländische Investoren stürzten sich auf ebendiese Papiere. Kopenhagener Börsianern zufolge wurden die Obligationen von dem einen Deutschen an den anderen Deutschen weitergereicht. Der Handel war schwunghaft, die Umsätze außergewöhnlich hoch, die Kurse jedoch bewegten sich kaum. Als die Börse schloß, lagen Aktien und Obligationskurse auf ähnlichem Niveau wie eine Woche zuvor. Schon am Freitag vergangener Woche schien die Maastricht-Abstimmung an den Finanzmärkten kein Thema mehr zu sein; Meldungen zum Zustand der US-Wirtschaft sorgten für mehr Bewegung.

Ein wenig können sich die Dänen bei Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand bedanken. Mit seinem Beschluß, auch in Frankreich eine Volksabstimmung zu Maastricht abhalten zu lassen, sorgte er nämlich für eine in Kopenhagen sehr willkommene Verschiebung der Optik: Vorher sah es so aus, als hätte Dänemark sich isoliert; danach standen plötzlich hinter dem ganzen Maastricht-Projekt Fragezeichen. Überall in Europa meldeten sich nach dem dänischen Votum die Skeptiker zu Wort. Viele Leitartikler beglückwünschten die Dänen zu ihrer Entscheidung. Ein Leserbriefschreiber an die Times zitierte aus Shakespeares "Hamlet": "Wohl, das ist eine liebe, schöne Antwort. Seid wie wir selbst in Dänemark." In einem anderen Brief hieß es: "Sir! Auf meiner Einkaufsliste stehen heute dänischer Schinkenspeck, dänische Butter und, um den Tag zu feiern, leckere Kopenhagener." Entgegen allen Erwartungen scheint das Referendum also gar den dänischen Export kurzfristig zu befördern.

Die moderate Reaktion der Finanzmärkte spiegelt vor allem die vorläufig kaum veränderte Lage Dänemarks wider. Das kleine Königreich hat sich keineswegs aus der EG verabschiedet. Die Römischen Verträge gelten nach wie vor, das Land nimmt weiterhin an der gemeinsamen Agrar- und Fischereipolitik teil, ist Teil des europäischen Binnenmarktes, die Krone ist fest in das Europäische Währungssystem eingebunden. Abgesehen von der hohen Arbeitslosigkeit, zeigt sich die dänische Wirtschaft in guter Verfassung: Die Inflationsrate ist mit weniger als 2,5 Prozent gegenwärtig die niedrigste in der ganzen EG. Das Defizit der öffentlichen Hand beträgt nur rund ein halbes Prozent der Wirtschaftsleistung, und die Leistungsbilanz gegenüber dem Ausland ist positiv.

Es ist schon ein wenig paradox: In Maastricht wurden strenge "Konvergenzkriterien" verabredet, welche die Mitgliedsländer erfüllen müssen, bevor sie sich eines Tages der Währungsunion mit gemeinsamem europäischen Geld anschließen können. Dänemark ist neben Frankreich und Luxemburg gegenwärtig das einzige Land, das diese Forderungen erfüllt. Die Dänen könnten also problemlos mit dabeisein, stimmten aber mit Nein. Dagegen riskieren die sehr integrationsfreudigen, aber weniger soliden südeuropäischen Länder, vor der Tür zu bleiben.

Aus der gemeinsamen Währungsunion wird frühestens 1997 etwas. Frühestens dann wird sich Dänemarks wirtschaftliche Stellung gegenüber den anderen EG-Ländern in einem wichtigen Punkt ändern. Ein dänischer Beitritt zur Währungsunion oder zu den Bestimmungen der "Sozialen Dimension" ist allerdings nicht ausgeschlossen. Die Dänen sagten vor allem deshalb Nein zu Maastricht, weil sie die Perspektive der Vereinigten Staaten von Europa abschreckte, insbesondere der in Maastricht beschlossene Übergang zu gemeinsamer Außen- und Sicherheitspolitik. Gegen eine Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ist der Widerstand unter den Nachfahren der Wikinger weit weniger ausgeprägt. Eine auf Wirtschafts- und Währungsfragen beschränkte Abstimmung hätte darum alle Chancen, positiv auszugehen.